Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Zum ersten Mal trat Riyad Vinci Wadia 1994 vor das Berliner Publikum. Damals stellte der Regisseur auf dem Internationalen Forum des jungen Films einen Dokumentarfilm vor, in dem er auf äußerst unterhaltsame Weise Leben und Werk seiner Großtante verewigt hatte, die damals schon eine ehrwürdige alte Dame war. Das Erbe der als britische Soldatentochter in Australien geborenen Mary Evans war für eine Frau ihrer Herkunft eher ungewöhnlich. Drei Jahrzehnte lang hatte Mary als „Fearless Nadia“ das indische Kinopublikum mit wilden Stunts, aufmüpfigen Abenteuergeschichten und geballter Frauenpower begeistert. Riyad Wadias Fearless – the Hunterwali Story feiert Leben und Werk dieser ungewöhnlichen Filmdiva und löste damit eine Welle der Begeisterung aus, die zur Neuentdeckung der „Sultanin des Stunts“ führte und in der Folge zu einem Revival ihrer Filmerfolge in den Kinos der ganzen Welt. Nadia selbst erlag 1996 zwei Jahre nach der Premiere „ihres“ letzten Films einem Herzinfarkt. Am 30. November letzten Jahres ist nun auch ihr Porträtist Riyad Wadia in Bombay gestorben. Bei der Gedächtnisveranstaltung zu seinen Ehren (Sonntag im Arsenal) wird auch Dorothee Wenner sprechen, die von Wadias Kenntnissen ausgiebig für ihre Nadia-Biografie „Zorros blonde Schwester“ profitieren konnte. Im Anschluss gibt es – was auch sonst– noch einmal die „Hunterwali-Story“.

Auch in Sally Potters The Gold Diggers (ebenfalls Sonntag im Arsenal) gibt es starke Frauen und schöne Pferde. Und der Film ist ebenfalls in Schwarz-Weiß gedreht. Doch die Art von Feminismus, die die britische Regisseurin („Orlando“) in ihrem theoriedurchwehten Essay-Musical exerziert, hat mit Nadias hemdsärmeligem Aktionismus auf den ersten Eindruck so wenig zu tun wie Pamela Anderson mit Jean-Luc Godard. Statt actiongeladener Sprünge gibt es medienselbstreflexive Schnitt-Kombinationen, statt harter Peitschenhiebe treibt hier die Selbstbewegung des Kapitals den Plot voran. Und auch das Pferd hat bei Potter eher symbolische Bedeutung. Poetisch ist es natürlich auch.

Wie Nadias Abenteuer ihrer Zeit scheinbar weit voraus waren, so wirkt die gefühlsselige Frauensolidarität von Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ schon zur Entstehungszeit wie ein Relikt aus guter alter Zeit. Anlass genug, den Blick einmal zurückzuwerfen auf die Filme, mit denen die Regisseurin dem jungen Kino der RAF-traumatisch erstarrten Bundesrepublik internationale Anerkennung verschaffte und die derzeit in einer kleinen Reihe im Babylon-Mitte wiederzusehen sind. Dazu gehört etwa (dort am Freitag zu sehen) Die bleierne Zeit , der Film, mit dem die Trotta 1981 neben vielen anderen Preisen weltweit auf dem Festival in Venedig den Goldenen Löwen – den ersten für eine Frau übrigens – errang und dessen Titel in Italien lange Zeit fast synonym für teutonische Verhältnisse auch späterer Zeiten galt. „Anni di piombo“ ist auch ein Film, der mit seinem extrem personalisierten Politikverständnis als legitimer Vorläufer der „Rosenstraße“ gelten kann: Auch er benutzt die Weltläufte als Rohstoff, um große Gefühle herauszuschmelzen. Und nimmt die Frauen als deren Trägermaterial. Die Haltung der Regisseurin ist dabei mindestens solidarisch. Bei Margarethe von Trotta scheint das immer so gewesen zu sein – und wird wohl auch so bleiben.

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