Kultur : Kurzmeldungen

Der Schrecken als die erste Erscheinung des Neuen: Ein Berliner Symposium geht Heiner Müllers Verhältnis zu Terror und Tugend auf den Grund Wo die Toten kämpfen

Peter Laudenbach

In Heiner Müllers Namen ist vieles möglich: trockene Analysen und apokalyptisches Raunen, revolutionäres Pathos und zynische Pointen. Wie extrem unterschiedlich die Positionen sind, die sich aus Müllers Werk herausdestillieren lassen, konnte man am Samstag in der Akademie der Künste bei einem Symposium der Heiner-Müller-Gesellschaft zum 75. Geburtstag des Dramatikers erleben. Zwischen dem gänzlich ideologiefernen Luhmann-Schüler Dirk Baecker und dem neomarxistischen „Empire“-Theoretiker Toni Negri liegen Welten. In Müllers Texten finden beide Anknüpfungspunkte für ihre Gesellschaftsanalysen.

Es sind offenkundig gerade die Brüche und Widersprüche in Müllers Werk, die es lebendig und für die verschiedensten Lektüren offen halten. Anders als bei Brecht sind sie noch nicht in einer Orthodoxie der Epigonen stillgestellt, eher scheinen sie sich in den acht Jahren seit dem Tod des Dramatikers weiter zugespitzt zu haben. Dass die Auseinandersetzung mit Müller derzeit vor allem unter Philosophen und Soziologen, aber kaum noch auf ernst zu nehmendem Niveau im Theater stattfindet, muss kein Fehler sein: Nach der Müller-Mode im Theater der Neunzigerjahre haben die Stücke für die Bühne möglicherweise fürs erste ihren Reiz verloren, während die Anregungen, die sie für die Gesellschaftstheorie parat halten, noch längst nicht ausgelotet sind.

Auch wenn sich weder Toni Negri noch Dirk Baecker, weder der Moskauer Philosoph Michail Ryklin noch die anderen Referenten des Symposiums in Müller-Exegese übten, knüpften sie in ihren Überlegungen implizit an Konflikte, Themen, Stoffe aus Müllers Werk an. Die Frage, mit der die Heiner-Müller-Gesellschaft die prominenten Referenten eingeladen hatte, war eher vage formuliert: „Wo findet sich heute die Wunde in unserer Gesellschaft?“ Dass die beiden ergiebigsten Vorträge des Symposiums, Dirk Baeckers Überlegungen zur Politik der Gesellschaft und Mikhail Ryklins Versuch, die Reaktionen der Philosophen auf den Terroranschlag vom 11.September zu analysieren, sich am selben Themenkomplex abarbeiteten, war weder geplant noch ein Zufall.

Gespenstischer Beigeschmack

Eher muss man diese Koinzidenz wohl als Symptom verstehen: Der revolutionäre Terror ist derzeit das Motiv in Müllers Stücken, das angesichts der neuen Kriege und der islamistischen Terroranschläge von der deutlichsten Virulenz ist. Müllers emphatische Formel vom „Schrecken“, also dem Terror, der „die erste Erscheinung des Neuen“ sei, hat nach dem 11.9. einen gespenstischen Beigeschmack bekommen.

Dieses „Neue“ ist im 21.Jahrhundert nicht die von Müller in so vielen gebrochen-pathetischen und apokalyptischen Tönen besungene Utopie, unter welchem ideologischen Vorzeichen auch immer, sondern ein Weltbürgerkrieg. Ein Satz, wie ihn in Müllers Stück „Der Auftrag“ der von der europäischen Aufklärung und antikolonialistisch-linken Ideologien enttäuschte Revolutionär Sasportas sagt, könnte heute ein Selbstmordattentäter in seinem Abschiedsvideo in die Kamera sprechen: „Der Tod ist ohne Bedeutung. Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen.“

Angriff von außen

Nicht nur Müllers Texte interpretieren die Weltpolitik auf die beunruhigendste Weise. Auch umgekehrt fällt von der nach dem 11. September veränderten Welt ein Licht auf sein Werk, das dessen ideologische Voraussetzungen und geschichtsphilosophische Konstruktionen massiv in Frage stellt.

Der Moskauer Philosoph Ryklin knüpfte in seinem Vortrag an Überlegungen an, die Derrida, Baudrillard, Virilio, Zizek und Groys nach dem 11.September entwickelt hatten. All diese Versuche, den Schrecken des Terroranschlags zu verstehen, kulminieren in der Vermutung, dass der Terror nicht das Andere, ein dem Westen Fremdes sei, sondern ihr Produkt. „Das ist der Schockeffekt vom 11.September. Hier handelt es sich um den Effekt der Globalisierung, um eine Kehrseite, nicht um eine von außen her angreifende Macht.“ Trocken konstatierte Ryklin die Ohnmacht der Philosophen: „Diese Thesen hatten fast keinen Einfluss auf die offizielle Interpretation des 11. September. Das Feindbild wurde schärfer als je zuvor definiert.“

Dirk Baecker ging in seiner Analyse der Feind-Konstruktionen einen Schritt weiter. Er interpretierte den Terroranschlag als einen Akt der Interaktion. An Niklas Luhmann anknüpfend, formulierte Baecker die Vermutung, dass jedes System, auch das System der Politik, zur Selbstreproduktion seine eigene Negation mitproduzieren müsse. Diese Frage nach der Funktion des Terrors hätte dem Carl-Schmitt-Leser Heiner Müller gefallen. Was Luhmann als Soziologe vermutet, hat Schmitt in seiner politischen Theologie auf eine paradoxe Formel gebracht: „Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt.“

Von solchen hellsichtigen Dekonstruktionen übersichtlicher Freund-Feind-Konstellationen war Toni Negris Vortrag weit entfernt. Der Theorielieferant für linksradikale Revolutionsnostalgiker absolvierte einen Schnelldurchlauf seines Bestsellers „Empire“ und bastelte sich mit der „postmodernen Totalität“ der Biopolitik ein schön paranoides neues Feindbild und mit der blumigen „Multitude“ ein neues revolutionäres Subjekt. Auch diese romantischen Träume vom im Namen der Utopie geführten Weltbürgerkrieg haben ihre Anknüpfungspunkte in Müllers dunklen Orakeln.

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