Kultur : Kurzmeldungen

Neustart bei den Berliner Festspielen: „Spielzeit Europa“ ersetzt die Festwochen, das Theatertreffen hat einen neuen Geldgeber. Ein Gespräch mit Intendant Joachim Sartorius Winterhaus, jetzt

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Herr Sartorius, nach vielerlei Kritik an den Berliner Festspielen legen Sie jetzt ein neues Konzept vor, das die Zustimmung Ihrer Geldgeberin, Kulturstaatsministerin Christina Weiss, findet. Weiss lag daran, dass Festspiele auch einen besonderen EventCharakter haben.

Frau Weiss hat immer wieder betont, dass sie weder die drei Tenöre auf der Bühne sehen will noch den Geldadel im Saal. Nach zweieinhalb Jahren als Festspielchef bin ich allerdings zu der Überzeugung gekommen, dass es eine ganz spezielle Erwartungshaltung hervorruft, wenn Festspiele vom Bund finanziert werden und in der Hauptstadt stattfinden. Da möchte man einfach bedeutende Ereignisse mit großen Namen. Weil wir, anders als mein Vorgänger Ulrich Eckhardt, ein eigenes Haus zu bespielen haben, zielen unsere Überlegungen immer mehr darauf ab, wie wir dieses wunderbare Theater kontinuierlicher bespielen können, um eine Identifikation des Hauses mit den Festspielen herzustellen. Die MaerzMusik, das Theatertreffen, das JazzFest Berlin (und künftig auch das Internationale Literaturfestival) sind dort verortet. So haben wir beschlossen, die traditionellen herbstlichen Festwochen abzulösen durch neue Inhalte und auf unser Haus zugeschnittene Formate.

Wie wird das aussehen?

Die alten Festwochen waren ein Mehrspartenfestival. Wir wollen die verschiedenen Bereiche künftig trennen im Sinne einer deutli chen, griffigen Botschaft an das Publikum. Theater und Tanz sollen in den festivalfreien Wintermonaten von November bis Januar ihren Platz haben. Dieses neue Programm ist kein Festival im Sinne starker zeitlicher Konzentration – darum nennen wir es auch „Spielzeit Europa“. Eine Saison. Wir wollen 12 bis 15 bedeutende Produktionen aus dem gesamten europäischen Raum nach Berlin holen und im Haus der Festspiele präsentieren. Das Haus der Kulturen der Welt, mit dem wir ja unter einem organisatorischen Dach zusammengespannt sind, hat eine eher außereuropäische Ausrichtung. Wir dagegen definieren uns als europäische Koproduktionsstätte.

Eine Wintersaison im Haus der Festspiele zu veranstalten ist gleichzeitig auch eine urbane Maßnahme für den etwas ins Abseits geratenen Standort Berlin- Wilmersdorf.

Das ist nicht der wichtigste, aber ein Gesichtspunkt. Wir arbeiten daran, die nicht unerheblichen bü rokratischen Hürden zu überwinden, um aus unserer Kassenhalle einen echten Treffpunkt zu machen, das gastronomische Angebot zu erweitern und dort auch Lesungen und Diskussionsveranstaltungen anzubieten. Wenn wir beispielsweise eine Produktion aus Mailand holen, können wir im Rahmenprogramm auch ein Podium zum Thema Pressefreiheit in Berlusconis Italien veranstalten. Zudem wollen wir unsere Seitenbühne so herrichten, dass auch dort kleine Produktionen gespielt werden können, wenn auf der großen Bühne geprobt oder aufgebaut wird. Die Theatermaschinerie soll tatsächlich die drei Wintermonate lang kontinuierlich brummen.

Der Schwerpunkt aber wird auf großen Gastspielen liegen, wie sie Ihr neuer Konkurrent Matthias Lilienthal im HAU, dem Hebbel am Ufer, so nicht anbieten kann.

Da das Theatertreffen künftig von der Bundeskulturstiftung finanziert wird, stehen den neuen Programmen künftig mehr Mittel zur Verfügung. Dafür bin ich Frau Weiss sehr dankbar. Damit lässt sich einiges machen. Mit Herrn Lilienthal stimmen wir uns regelmäßig ab. Im Gegensatz zur Ära Nele Hertling aber hat das HAU eine Richtung eingeschlagen, bei der wir uns weniger ins Gehege kommen. Was etwa den Inhalt der „Spielzeit Europa“ betrifft, so wollen wir jeweils eine Region in den Mittelpunkt stellen. In diesem Jahr könnten das die Niederlande sein, 2005 dann der Balkan. Mich interessieren auch sehr die Ränder von Europa, bis hin zur Türkei. Hier wäre zu klären, wie stark die kulturellen Affinitäten wirklich sind.

Bestehen Sie als Festivalchef auf dem Recht der ersten Nacht? Um nur Uraufführungen zu präsentieren, müssten Sie reichere Festivals wie die in Wien, Paris oder Edinburgh ausstechen.

Ich stelle mir eine Mischung aus drei Typen von Aufführungen vor. Zum einen das reine Gastspiel, also Produktionen, die schon mit Erfolg woanders gelaufen sind. Dann europäische Koproduktionen: Herr Luchsinger, der künstlerische Leiter von „Spielzeit Europa“, und ich streben ein Netzwerk mit sieben oder acht Partnern an. Und das dritte Standbein müssen Uraufführungen sein. So verhandeln wir seit langem mit Patrice Chéreau darüber, dass er für Berlin eine ganz neue Produktion im Jahr 2006 macht. Im übrigen ist die „Spielzeit Europa“ auch als schöner Zwilling des deutschsprachigen Theatertreffens zu sehen.

Apropos Theatertreffen: Wird sich für den Zuschauer etwas ändern, wenn die Bundeskulturstiftung mit in das Festival einsteigt?

Die gesamte Organisation liegt weiterhin bei uns. Ich bin aber mit Hortensia Völkers, der Leiterin der Bundeskulturstiftung, im Gespräch, in wieweit wir gemeinsam um das Theatertreffen herum ein noch ausgefeilteres Rahmenprogramm schaffen.

Wird die Auflösung der Festwochen zu einem verminderten Musikangebot führen?

Keine Verminderung! Wir wollen aber ein neues Format etablieren, in enger inhaltlicher Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. Angedacht ist 2005 eine konzertante Aufführung von Janaceks Oper „Jenufa“ mit Rattle und den Philharmonikern.

Große Gastspiele entsprechen aber auch dem Wunsch vieler Klassikfans. Da es aufgrund des niedrigen Preisniveaus in dieser Stadt für private Veranstalter angeblich nicht rentabel ist, international bedeutende und dementsprechend teure Orchester nach Berlin zu holen, fehlen die Vergleichsmaßstäbe.

Wir wollen Starorchester in die Stadt holen, aber auch exquisite kleinere Formationen wie das Mahler Chamber Orchestra, und wir wollen neben den internationalen Ensembles auch deutsche und Berliner Orchester einbinden. Als zweites Standbein im Musiksegment werden wir die Pflege des Zeitgenössischen Musiktheaters fortführen, weil dies von den drei Opernhäusern nur halbherzig betrieben wird. Bereits terminiert sind Uraufführungen von Enno Poppe mit einem Libretto von Marcel Beyer nach einem William-Burroughs-Roman sowie von Johannes Maria Staud mit einem Durs-Grünbein-Libretto. Und schließlich wünschen wir uns hin und wieder ein großes Operngastspiel, das dann wieder so ein enormer Publikumserfolg wird wie der Besuch des Marijnski-Theaters aus St. Petersburg in der Deutschen Oper im vergangenen Herbst.

Lässt sich die Kernkompetenz der neuen Festspiele mit den Worten zusammenfassen: „Willkommen im alten Europa“?

Im alten Europa, das ein neues wird. Ich bin dem ansonsten eher unsympathischen Herrn Rumsfeld fast dankbar, „old Europe“ wieder in die Diskussion gebracht zu haben. Theater in Europa ist schließlich die Chiffre schlechthin für darstellende Kunst. Zudem hat diese programmatische Ausrichtung einen stark kulturpolitischen Aspekt. Durch die so genannte Osterweiterung rückt Berlin viel näher ins Zentrum Europas. Ich bin mit der „Spielzeit Europa“ sehr glücklich, weil sie sich ins Mosaik des Berliner Kulturlebens hervorragend einfügt. Sie hat ein klares Profil – und trotz des griffigen Formats öffnet sie uns einen wunderbar großen Spielraum.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

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