Kultur : Kurzmeldungen

Die Furien der Vergangenheit und die Möglichkeiten der Literatur: zum Holocaust-Gedenktag ein Gespräch mit dem amerikanischen Autor Louis Begley Allein unter Dämonen

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Herr Begley, was ist es für ein Gefühl, hier in Deutschland Menschen zu treffen, deren Väter und Großväter Sie ermorden wollten, weil Sie ein polnischer Jude waren?

Ich versuche, es zu verdrängen. Die Vergangenheit ist aber so lebendig, so sehr Teil von mir, dass es mir nicht gelingt. Trotzdem denke ich nicht immer daran – der guten moralischen Ordnung wegen. Ich kann nicht zu den heutigen Deutschen sagen: Sie sind schuldig, weil Ihr Vater, Großvater oder älterer Cousin mich, meine Familie oder andere Juden töten wollten. Ganz Europa ist mit Blut getränkt, überall gibt es eine Tradition der Gewalt, Bürgerkriege, Religionskriege und Verfolgungen. Aber Deutschland hat eine Sonderstellung, weil das Land wegen seiner hoch entwickelten Kultur und Zivilisation ein Vorbild war, und sich dann in ein Land der brutalsten und abscheulichsten Mordtaten der Geschichte verwandelte.

Haben Sie den Deutschen vergeben?

Ich habe jenen Deutschen nicht vergeben, die zwischen 1933 und 1945 tätig waren, also zwischen der Machtübernahme Hitlers und der Kapitulation. Ich habe jenen nicht vergeben, die verantwortlich für die Verbrechen waren oder mitschuldig wurden, durch aktives Handeln oder passives Dulden und die sich herausredeten mit dem Satz: „Ich bin nur ein kleiner Mann.“ Ich werde ihnen niemals vergeben. Aber da ich nicht an eine Vererbung von Schuld oder an eine Kollektivschuld glaube – solche Gedanken beruhen auf Nazi-Vorstellungen – halte ich niemanden aus Ihrer Generation auch nur im geringsten für verantwortlich.

Während Ihrer Militärzeit als US-Soldat waren Sie 1955/56 in Deutschland stationiert. War es eine Genugtuung für Sie, auf Seiten der Sieger hierher zu kommen?

Die Uniform macht einen in gewisser Weise unsichtbar. Du bist nicht du selbst. Deshalb konnte ich meinen Gefühlen erlauben, sich von mir zu entfernen. Als ich aus diesem Zustand der seligen Betäubung erwachte, fragte ich mich, welche Verbrechen die Menschen, die alt genug waren, um im Krieg dabei oder in die Politik verstrickt gewesen zu sein, wohl begangen hatten. Ich bin aber vor allem mit Menschen meines Alters in Kontakt gekommen. Gegen diese Leute konnte ich unmöglich etwas haben.

Sie unternahmen in der Schule erste Schreibversuche und beendeten Ihr Harvard-Literaturstudium als Jahrgangsbester. Warum sind Sie nicht nach der Militärzeit Schriftsteller geworden wie Ihr Freund John Updike? Statt dessen absolvierten Sie Jurastudium und wurden Anwalt. Wegen der Sicherheit?

Nein, überhaupt nicht. Nach meinem College-Abschluss habe ich mich freiwillig zur Armee gemeldet. Da wusste ich noch nicht, dass ich später einmal Anwalt werden würde. Ich glaube, John Updike wurde aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst freigestellt. Aber ich war ganz erpicht darauf, meinen Dienst zu leisten, denn ich wusste nicht so recht, was ich beruflich machen sollte. Schon 1952/53, während meines ersten Studienjahres, entschloss ich mich, kein Schriftsteller zu werden. Anders als John Updike glaubte ich nämlich nicht, dass ich irgendetwas zu erzählen hätte. Hinzu kommt, dass meine Wünsche nach einer nicht gerade „normalen“ Kindheit vor allem darauf gerichtet waren, am Leben zu bleiben. Ich musste mir meinen Lebensunterhalt verdienen, da schien mir Anwalt kein schlechter Beruf.

Warum haben Sie sich dann 1990 doch hingesetzt und mit „Lügen in Zeiten des Krieges“ Ihren ersten Roman geschrieben?

Ich machte eine Pause von vier Monaten, und beschloss, es mit einem Roman zu versuchen. Mir war nicht bewusst, dass ich schreiben musste. Ich setzte mich hin und fing an.

Sie haben unzählige juristische Schriftstücke wasserdicht formuliert. Führt die hohe Kunst der Anwälte zum Handwerk des Schreibens?

Es heißt, man ist das, was man isst. Ich glaube, man ist auch das, was man liest und arbeitet. Ich bin also das, was ich 44 Jahre lang gemacht habe: ein gestandener Anwalt. Dazu kommen alle Bücher, die ich gelesen, alles, was ich in meinem Leben gesehen, alle Frauen, die ich geliebt habe: Ich bin die Summe all dieser Dinge. Und dass ich so viele juristische Schriftstücke verfasst habe, hat meinem Schreibstil nicht geschadet. Aber es war nicht entscheidend.

Seit fast 13 Jahren sind Sie Anwalt und Autor. Wie schaffen Sie es, beides zu vereinbaren?

Ich habe als Anwalt immer hart gearbeitet. Als ich mit dem Schreiben anfing, bedeutete das noch mehr Arbeit. Es gibt dafür keine magische Formel, aber meine Anwaltstätigkeit hatte immer Priorität, schon aus Pflichtgefühl gegenüber den Klienten. Man muss Opfer bringen. Aber weil ich meine Familie nicht länger vernachlässigen will, ziehe ich mich jetzt aus der Anwaltspraxis zurück. Bald bin ich mit den Dämonen der Literatur allein.

Sie haben in Deutschland eine große, treue Lesergemeinde. Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht liegt es daran, dass in Deutschland eine tief gehende literarische Kultur existiert. Aber es gibt auch eine weniger angenehme Erklärung: Dass die Deutschen eine schuldbeladene Obsession mit Büchern pflegen, die sich mit dem „Dritten Reich“ beschäftigen. Das würde bedeuten, dass die Deutschen nicht sehr weit damit gekommen sind, ihre Psyche zu entdecken. Zumindest in der Kunst. Günter Grass ist eine Ausnahme, und W. G. Sebald hat an die verdrängten Probleme erinnert. Ich wüsste sonst keinen großen deutschen Schriftsteller, der wirklich in den Abgrund geschaut hat. Vielleicht interessieren sich die Deutschen deshalb so für das, was andere zu dem Thema sagen.

John North, der Held Ihres neuen Romans „Schiffbruch“ lebt als erfolgreicher Schriftsteller in New York, ist glücklich verheiratet, liebt guten Wein und guten Sex. Warum setzt er das alles aufs Spiel, für eine gefährliche Liebschaft mit der jungen Französin Léa?

Die meisten Menschen haben eine Sehnsucht nach Abenteuer und Selbstzerstörung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Männer in den Vierzigern sich angezogen fühlen von schönen, jungen Frauen. Wahrscheinlich würde gar nichts geschehen, wäre John North nicht weit weg von zu Hause. Und Léas Fragen lösen bei ihm plötzlich Selbstzweifel aus. Es ist, als flüstere ihm ein Teufel ins Ohr: Wenn du glaubst, deine Bücher sind nicht so gut, könnte das daran liegen, dass du dieses langweilige Leben führst. Vielleicht brauchst du einen Schock, eine kleine Eskapade.

Geht es darum, die Schreibblockade mit den Mitteln erotischer Leidenschaft aufzubrechen?

Er hat keine Schreib-Blockade, sondern schreibt sehr flüssig. Vielmehr fragt er nach dem Wert seiner Arbeit, ist in einem Stadium intellekteller Verzweiflung. Diese macht ihn empfänglicher für etwas, von dem er von Anfang an weiß, dass es ein törichtes Abenteuer ist.

Autoren Ihres Jahrgangs wie Philip Roth mit „Der menschliche Makel“ oder Don DeLillo mit „Cosmopolis“, haben unlängst Romane über die sexuellen Wünsche von Männern vorgelegt, die auch die Globalisierung und die terroristische Bedrohung thematisieren. Warum sparen Sie politische Themen aus?

Anders als Philip Roth, den ich grenzenlos bewundere, und anders als Don DeLillo halte ich keine Moralpredigten. Meine Kommentare zur Politik kann man herausfiltern, wenn man meine Romane aufmerksam liest.

Dabei spielt Politik in fast jedem meiner Romane durchaus eine Rolle. „Lügen in Zeiten des Krieges“ ist ein 200 Seiten langer Kommentar zur Politik. Politische Aussagen gibt es in „Der Mann, der zu spät kam“ und in „Wie Max es sah“. Die beiden „Schmidt“-Romane sind soziale Kommentare, obwohl ich nicht direkt auf die Präsidentschaft von George Bush senior eingehe. Nur in „Schiffbruch“ führe ich keine politischen Diskussionen. Ich bin nun einmal kein Autor, der Vorlesungen hält. Die einzige Kritik, die ich an Philip Roth habe ist, dass er Vorträge hält. Allerdings ist Roth darin brillant.

Auf Léas Frage, wie North seine Themen finde, antwortet er, seine Bücher seien „aus dem Zeug gemacht, das sich im Laufe des Lebens in mir abgelagert hat“. Wie ist das bei Ihnen?

Meine Romane handeln nicht von mir. Keiner von ihnen ist die Geschichte meines Lebens.

Das Gespräch führte Frank Dietschreit.

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