Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Drei der erfolgreichsten Produzenten im westdeutschen Nachkriegsfilm waren Holocaust-Überlebende: Gyula Trebitsch, Walter Koppel und Artur Brauner. Auf diesen Umstand weisen Filmhistoriker nur ungern hin, schließlich widerlegt er ihre These, bis zum Durchbruch des Neuen Deutschen Films hätten nur Altnazis und Mitläufer das Sagen gehabt. Mittlerweile ist Koppel tot und Trebitsch im Ruhestand, aber Artur Brauner produziert fleißig und engagiert weiter. Ein Schwerpunkt seines Werks ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen. 1984 beförderte Brauner die Drehbuchautorin Agnieszka Holland zur Regisseurin und vertraute ihr Bittere Ernte an, der im darauffolgenden Jahr auf der Berlinale lief. Das kammerspielartige Drama hatte im Ausland mehr Erfolg als bei uns, erhielt eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film und machte Armin Mueller-Stahl international bekannt. Elisabeth Trissenaar verkörpert eine Jüdin, die aus einem Transport fliehen kann und sich bei einem polnischen Bauern versteckt, dem Mueller-Stahl rührend-tapsige, aber auch despotische Züge verleiht. Der Verfasser dieser Zeilen kann sich rühmen, als 23-jähriger Komparse dabei gewesen zu sein: als deutscher Uniformträger, der den großen Mueller-Stahl einschüchtert. Auch sonst ist der Film mit Margit Carstensen und Kurt Raab vorzüglich besetzt (heute im Filmkunsthaus Babylon am Rosa Luxemburg-Platz).

Elisabeth Trissenaar hatte das Zeug zu einer erstklassigen Filmdiva in der Tradition von Greta Garbo und Zarah Leander, denen sie ähnelte. Doch eine Doppel-Karriere in Kino und Theater, die sie verdient hätte, war ihr nicht vergönnt. Wie andere Heroinen der deutschen Bühne war sie offenbar zu groß für die Filme, die damals gedreht worden sind. Lassen sich magische Momente des Theaters überhaupt auf die Leinwand oder den Bildschirm übertragen? Die Schaubühne am Lehniner Platz hat mehrfach bewiesen, dass es klappt. Wer 1985 von Luc Bondys Marivaux-Inszenierung Triumph der Liebe verzaubert war, konnte die Fernsehaufzeichnung mit ähnlicher Begeisterung verfolgen. Hier wurde eine gefeierte Theateraufführung nicht routiniert abgefilmt, sondern mittels einer innovativen Bildregie adaptiert. Wer damals keine Karten bekommen hat, kann jetzt noch einmal Jutta Lampe bewundern und vor allem Libgart Schwarz, die mit unnachahmlicher Eleganz in einen Teich stolpert (Sonnabend in der Akademie der Künste).

Dass nur Vollprofis die Sprache von Marivaux meistern, versteht sich von selbst. Dagegen werden für realistische Filme über das Proletariat gern Laien beschäftigt, die angeblich wahrhaftiger spielen. Tatsächlich agieren Laien, sobald die Kamera läuft, meist hölzern oder gekünstelt. Der vielleicht beste proletarische Film der Weimarer Republik, Phil Jutzis Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929), verdankt seine Wirkung vor allem dem Umstand, dass zwar unbekannte, jedoch ausgebildete Schauspieler die schlecht bezahlten Arbeiter und Arbeitslosen aus dem Wedding verkörpern. Obwohl das Publikum den von Käthe Kollwitz geförderten Film liebte, blieb die 68-jährige Hauptdarstellerin Alexandra Schmitt unbekannt (Mittwoch im Arsenal).

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