Kultur : Kurzmeldungen

Christoph Schlingensief vollendet in Zürich sein Porno-Chaos-Theater – und will nur noch Filme machen Reise ins Schwein

Hartmut Krug

Kameras im Foyer, Kameras im Zuschauerraum, Kameras auf der Bühne: Jede Reaktion bei „Attabambi Pornoland“ wird festgehalten. Doch nach all dem aufgeregten Mediengetöse („Achtung Pornografie, kein Zutritt unter 18 Jahren!“) vor der Premiere des dritten Teils von Christoph Schlingensiefs „Atta“-Trilogie (nach Berlin und Wien) blieb es in Zürich völlig ruhig. Grelle Aktionen auf der Bühne stießen auf ein gut wattiertes Desinteresse eines Publikums, das die Schlingensiefschen Provokationen als gewöhnliche Kunsthäppchen nahm.

Schlingensiefs Theaterfamilie, geworfen ins Richard-Wagner-Land, kämpft sich wieder einmal durch labyrinthisch-inzestuöse und sodomitische Aggressionen und Obsessionen. Die Aufführung ist Familiensaga, Mysterienspiel, Prozession, Wutschrei, Erlösungshoffnung, vor allem: One-Man-Show. Denn es spielt und tobt nur einer, der Meister Schlingensief selbst. Sepp Bierbichler, wiewohl im Programm verzeichnet, spielt gar nicht mit, sondern sitzt im Zuschauerraum. Selbst die mit souveränem Ernst agierenden Margit Carstensen und Irm Hermann, die gedrechselte neue Texte von Elfriede Jelinek ins wilde Geschehen hineinstellen, werden zu Stichwortgebern degradiert.

Durchs Chaos stolpert Schlingensief in sonnenbebrillter Wagner-Maske und bewirft in Jackson-Pollock-Manier eine Paravent-Leinwand – und das mit Plastikplanen geschützte Publikum der ersten Reihen mit Farbe. Eine unterm offenen Brautkleid nackte Frau ist ihm dabei zugleich Opfer wie Video-Dokumentaristin. Dann wieder schultert Schlingensief allen Kunst- und Requisitenmüll, der sich auf der Bühne angesammelt hat, und setzt sich mit Krummstab und Umhang, Kreuz und „Erlösungsschaf“ als Wiedergänger von Joseph Beuys in Positur – wie zuletzt schon im Burgtheater (Tsp. vom 15. 12.).

Es herrscht ein entfesselter Dilettantismus ohne szenische Ordnung, ein wilder Überfluss der Kunst-, Medien- und Selbstzitate prasselt auf den Zuschauer ein. Wer die ersten Atta-Teile kennt, erfährt und sieht nichts wirklich Neues. Es geht um Kunstwollen und Kriegsangst, um Schlingensiefs „Church of Fear“, mit der das Leiden an der Gewalttätigkeit in der Welt und den Medien ausgehalten werden soll. Es geht um den Menschen und seine Gefühle, also gleich um die „Reise durchs Schwein, jenseits des Menschseins.“

Die Bühne von Janina Audick: zuerst eine Familienvilla mit Kirche und stacheldrahtbewehrter Hochfläche, auf der Franz Liszt Wagner dirigiert, später ein wüstes Schlachtfeld. Auf dem erst Wagner seiner vierzehnjährigen Tochter, einer blond bezopften Walküre mit enormen nackten Brüsten, eine Kamera einführt, um sie filmisch von innen zu durchforschen. Später kopuliert er mit ihr auf technisch unterschiedlichste Weise. Das Inzestergebnis, zwei Ferkel, hat nicht lange zu leben. Nur die Hühner, die mit stoischer Ruhe durchs Geschehen stolzieren, überleben. Während das Erlösungsschaf erst sodomitisch bedient und dann an der Wand des Hauses blutig zerklopft wird.

Schlingensief/Wagner suhlt sich in einer Badewanne voll braunem Sud, schreit nach Erlösung und leidet sowohl an der Welt wie sichtlich auch an der eigenen Einfallslosigkeit. Denn alles kommt merkwürdig routiniert und trotz aller aufgesetzter Wildheit irgendwie leblos daher. Aufgeregtes Gedankentheater, leidlich aufgesagt. Das durch Anleihen an das blutige Matsch- und Mysterientheater der Pioniere Nitsch und Mühl auch nicht aufregender wird.

Im Zentrum der pausenlosen zweistündigen Performance steht ein Schwarz-Weiß-Film, in dem die Darsteller durch klaustrophobische Gänge eilen und sich unter dem Motto „Der Liebesakt hat eine große Ähnlichkeit mit der Folter oder mit einer chirurgischen Operation“ in allen möglichen Säften suhlen. Es wirkt wie eine Dokumentation aus einer Zeit, als wüste Bilder noch provozieren konnten. Es kratzt heute keinen mehr.

Christoph Schlingensief, seit seinem Beginn 1993 an der Berliner Volksbühne nun zehn Jahre als Regisseur und Performer tätig, versteht diesen Zürcher „Atta“-Abend – trotz und wegen der Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung kommenden Sommer – als Abschied vom Theater. Er will wieder Filme drehen. Wer in Zürich dabei war, kann diese Entscheidung nur begrüßen.

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