Kultur : Kurzmeldungen

Beim Thema Geld versteht man in Hongkong Spaß. Wie gut, dass die Komische Oper Berlin zu ihrem Ostasiengastspiel Andreas Homokis Inszenierung der „Lustigen Witwe“ mitgebracht hat. Ein Augenzeugenbericht Den kauf ich mir!

Frederik Hanssen

„Achtung! Während der Aufführung wird ein Pistolenschuss ausgelöst!“ warnt ein Schild die Besucher des Hongkong Cultural Centre. Wenige Meter weiter wartet die „Self-Service Sterilization Station“ auf Musiktheaterfans, die sich vor dem Beginn des Gastspiels der Komischen Oper aus Berlin noch schnell die Hände mit Desinfektionsspray einsprühen wollen.

So lieben es die Leute in dieser verrückten Stadt: sauber und vorhersehbar. Wo 6,7 Millionen Menschen bei höchst feuchtem Klima auf engstem Raum zusammenleben, wo in Hochhausschluchten Abgase wabern und sich mit den fettigen Ausdünstungen unzähliger Garküchen mischen, da entwickelt man schon aus Selbstschutz leicht einen Putzfimmel: Wer im „Bank of China“-Tower den Fahrstuhl betritt, liest, dass die Kabine stündlich gründlich gereinigt werde, wer das Kaufhaus „Muji“ besucht, muss über einen Desinfektionsteppich laufen. In jedem Gebäude mit Publikumsverkehr sieht man irgendwo Personal mit Eimer und Lappen hantieren. Wenn schon nicht die Westen, so sollen im ostasiatischen El Dorado des Turbokapitalismus doch wenigstens die Gliedmaßen sauber sein. Das birgt Rutschgefahren. Beim Stadtbummel passiert der Tourist Dutzende „Vorsicht, feuchter Boden“-Warnhinweise.

Lost in translation

Auf dieses glatte Parkett nun hatte das Hongkong Arts Festival die Komische Oper eingeladen. Inmitten einer ziemlich wilden Mischung aus Klassik und Pop, Weltmusik und traditioneller chinesischer Oper sollten die Berliner einen Glanzpunkt der 32. Ausgabe der Festspiele setzen – zwischen Bobby McFerrin und dem Petersen Quartett, Jane Birkin, Gilberto Gil, dem Züricher Ballett und dem London Philharmonic Orchestra. Die Musiktheaterleute aus Berlin wählten dafür ausgerechnet Andreas Homokis Inszenierung der „Lustigen Witwe“ aus und Harry Kupfers „Fidelio“-Interpretation. Zweifellos zwei Schmuckstücke im reichen Repertoire des Hauses – aber definitiv weder sauber noch vorhersehbar.

Es war den Verantwortlichen vor Ort zwar gelungen, aus dem Fotomaterial der Berliner Werbeprospekte zu zimmern, die in ihrer typisch ostasiatisch-poppigen Manier auf dem Papier durchaus prunkvolle Unterhaltung suggerierten; doch um so größer dürfte die Überraschung für die Zuschauer im ausverkauften 1700-Plätze-Saal gewesen sein, als sich der Vorhang zur „Lustigen Witwe“ hob: Vor dem Pistolenschuss waren sie gewarnt worden – wenn auf der Bühne Camille de Rosillon seiner Valencienne während ihres Duetts die Unterwäsche entwendet, wenn dem Tenor später eindeutig-zweideutig ein Hemdzipfel aus dem offenen Hosenschlitz ragt und der Damenchor schließlich zum Grisetten-Marsch kollektiv Dessous schwenkt, wenn also der Regisseur dem Rührstück aus der guten alten Zeit so richtig lustvoll ans Mieder geht, dann mag so manchem Chinesen im Dunkel des Saals ein rosiger Schauer über die Wangen huschen.

Es darf vermutet werden, dass sich in den Etablissements, die „Lucky Sauna“ heißen und sich im Leuchtreklamewald der Hauptverkehrsstraßen flackernd anpreisen, ähnliche Szenen abspielen. Auf der Bühne aber wird züchtig in voller Montur geliebt, zumindest in jenen operettenhaften Volkstheaterstücken der Kantonoper, die parallel zum Gastspiel der Komischen Oper beim Hongkong-Festival zu erleben waren.

So bleiben die Reaktionen an vielen Stellen, bei denen die Darsteller zuhause garantiert Gelächter absahnen, in Hongkong aus, obwohl englische Übertitel wie auch chinesische Übersetzungen rechts und links der Bühne angeboten werden. Allein die Geld-Gags zünden sofort: Wenn Hanna Glawari, die Erbin eines 20-Millionen-Vermögens, nach ihrer Ankunft in der pontevedrinischen Botschaft die Jacke ablegt und jede Menge Banknoten herausflattern, auf die sich der Herrenchor sofort wie ausgehungertes Federvieh stürzt, geht eine Welle der Erheiterung durch die Reihen. Ebenso, wenn Graf Danilo seiner lustigen Witwe am Ende zuraunt: „Ich würde dich auch heiraten, wenn du vierzig Millionen hättest.“ Diese Sprache versteht man hier.

Absolut konsensfähig die musikalische Leistung des Ensembles aus Berlin: Chefdirigent Kirill Petrenko zaubert mit seinem Orchester einen wunderbar leichtfüßig tänzelnden Lehar-Sound. Petrenko ist ein Meister der raffinierten Verzögerungen in den Walzermelodien, er kontrastiert geschickt sentimentale Emphase und schmissiges Varietégeklingel, so dass die kalorienreiche Wiener Kost plötzlich leicht wirkt wie ein Baiser.

Trutzburgen und Gedankengebäude

Die Sänger legen sich ins Zeug, spielen so engagiert, als wäre die Produktion nicht schon im Jahr 2000 herausgekommen. Entfesselt jagt der Chor über die breite Freitreppe des Bühnenbildes. Obwohl es nur je zwei Vorstellungen der beiden Produktionen gibt, sind fast alle Solorollen doppelt besetzt, weil im Falle eines Krankheitsfalles in Hong Kong kaum Ersatz zu beschaffen wäre. So kann man Bettina Jensen wie auch Elisabeth Werres als elegante Witwe erleben. Alfred Kuhn und Günter Neumann überbieten sich in der Rolle des Botschafters Mirko Zeta an Kauzigkeit, und Andreas Conrad punktet gegen Matthias Klink, wenn er zur Begeisterung des Publikums ein „Ich liebe Dich“ auf Chinesisch in seinen deutschen Dialog einstreuen kann. Allein Anna Korondi darf als Valencienne zweimal unwiderstehlich sein.

Inmitten dieses Trubels bewegt sich Andrzej Dobber als Danilo Danilowitsch wie ein trauriger Tanzbär. Ein Lebemann vom Schlage des Bill Murray in Lost in translation, der die Endlichkeit allen Glücks spürt und doch zu schwach ist, dagegen anzukämpfen, seiner Seele den Stoß in die rechte Richtung zu versetzen. Eine sehr europäische Sicht der Geschichte. Genauso wie in Harry Kupfers „Fidelio“. Rüschig-plüschige Kostüme aus einer früheren „Trovatore“-Inszenierung zeigen im Foyer, wie man es hier eigentlich gerne hätte. Oberflächlich unterhaltend, mit funkelnder Fassade, so wie draußen vor der Tür bei den protzigen Firmenrepräsentanzen. Doch konventionelle Inszenierungen erweisen sich – wie auch architektonische Glitzerpaläste – beim zweiten Blick allzu oft als Blendwerk. Auf der Höhe ihrer Zeit sind in Hongkong eigentlich nur I.M.Peis „Bank of China“ und Norman Fosters „Hongkong Bank“, bei dem der Architekt die Versorgungsschächte als Röhren über die Fassade laufen lässt, um sich innen eine riesige, zum offenen Erdgeschoss nur durch einen Glasfußboden getrennte Halle leisten zu können.

Fosters Gebäude lässt sich in seiner Verspieltheit durchaus mit Homokis überdrehter, alle Publikumserwartungen konterkarierender Operetteninszenierung vergleichen. Während der 368 Meter aufragende Turm der „Bank of China“ von I.M.Pei an Kupfers „Fidelio“ erinnert. Pei, dessen jüngste Tat der Anbau des Berliner Deutschen Historischen Museums ist, verstößt mit seinem aus spitzen Dreiecken zusammengesetzten Koloss bewusst gegen traditionelle chinesische Feng-Shui-Regeln, so wie der Regiealtmeister zu Beginn seiner Inszenierung dem Publikum die klassische Theatersituation verweigert, wenn er die Sänger in Alltagskleidung wie auf einer Probe antreten lässt. Peis auf einem wuchtigen Sockel ruhende Trutzburg des Geldhandels wie auch Kupfers ganz aus der kühlen Analyse entwickelte Version des Beethovenschen Dramas sind Ideen-Gebäude, Kopfgeburten für Mitdenker.

Als Solitäre ragen Peis und Fosters Gebäude aus Häusermeer der Mittelmäßigkeit, so wie Homokis „Witwe“ und Kupfers „Fidelio“ aus der bedrückenden Flop-Statistik der Komischen Oper. West-Importe sind sie hier in Hongkong allesamt. Den Einheimischen nützen sie im Idealfall als Beispiele einer fremden Kultur, an denen man sich reiben kann. Für das Ensemble der Komische Oper ist so ein Gastspiel aus anderen Gründen wichtig: um sich der eigenen Identität zu versichern. Das ist doch gar nicht wenig.

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