Kultur : Kurzmeldungen

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Martenstein kämpft sich

durch den Dschungel von WestBerlin

Ich war drüben im Westen. Die meisten Kinos im Westen haben geschlossen. In der Paris Bar sind Plätze frei. Das Florian fungiert als öffentliche Suppenküche. Wenn man auf dem geisterhaften Savignyplatz steht und „Hodelödihö“ ruft, erschallt ein Echo wie in den Alpen, wegen der leeren Fensterhöhlen. Auf den Straßen sind kaum Menschen. Zahlreiche Westler, die weggezogen sind, haben ihre Hunde einfach freigelassen, sie laufen auf dem nur noch spärlich beleuchteten Kurfürstendamm umher, geisterhafte Gerippe mit tropfenden Lefzen. In den Parks sieht man Wildschweine, Aras und Tüpfelhyänen. Im Zoo, heißt es, werden allnächtlich heimlich Tiere freigelassen, weil die Behörden das Futter nicht mehr bezahlen können. Überall wuchert Unkraut, die Natur holt sich den Westen zurück. Der äußerlichen Verwahrlosung der Straßen entspricht die innere Verrohung der letzten Bewohner. Bettler, Marodeure und Briganten bestimmen das Bild. Die Fahrzeuge der Hilfsorganisationen, zum Beispiel Médecins pour l’ouest, werden mit Steinen beworfen.

Vereinzelt finden immer noch Berlinaleveranstaltungen im Westen statt – ausgerechnet das Kinderfilmfest im halb verfallenen Zoo Palast, vor dem usbekische Straßenmädchen für wenige Euro ihre Reize feilbieten, Forumfilme in dem von Müllbergen und munter zechenden Rattenfamilien umgebenen Delphi. Immerhin passen die Sujets der Forumfilme zu der düsteren Gegend, in der sie gezeigt werden. Die Berlinale veranstaltet auch Westrundfahrten in gepanzerten Bussen. Von Westbesuchen auf eigene Faust ist abzuraten.

Wer die Gegend von früheren Berlinalen kennt, dem zerreißt es das Herz. Genau an der Stelle der Kantstraße, wo 1962 Rita Hayworth und Brigitte Bardot den Popocatepetl-Twist erfanden, befindet sich heute eine Filiale von „Rudis Reste Rampe“. Was folgt daraus? Carpe diem. Alles vergeht, auch – wups! – diese Kolumne. Sie war zu lang.

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