Kultur : Kurzmeldungen

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Martenstein schreibt

einen Abschiedsbrief an die Berlinale

Liebe Berlinale, nun bist du bald vorbei. Wir hatten eine gute Beziehung. Wir konnten über alles reden. Du hast den Menschen Freude bereitet, obwohl. In diesem Jahr hast du nur wenige Partys gefeiert, vielleicht, weil die Amerikaner ihr Geld für andere Dinge brauchen. In diesem Jahr waren es auch nicht so viele gute Filme. Da sind wir eben Sushi essen gegangen statt ins Kino. Was auch passiert – du und ich, wir beide haben immer das Sushi.

Liebe Berlinale, wir sind immer morgens um fünf vor neun durch ein Spalier von Tulpen in deinen Palast gedriftet. Die Köpfe der Tulpen hingen von Tag zu Tag zu Tag tiefer, als ob sie sich verneigen. Es gab extra Tulpenpfleger. Gestern habe ich in den Spiegel geschaut und hatte mich in eine Tulpe verwandelt.

Liebe Berlinale, der Potsdamer Platz ist gar nicht so schlimm. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Wenn dich Gäste nach dem Warum fragen, antworte einfach: „This place represents the artistic taste of Eberhard Diepgen, big man, historical leader of the free Berlin. It is a living Eberhard-Diepgen-Memorial.“

Liebe Berlinale, du wirst klimatisch immer wärmer. Dein Chef hat einen immer röteren Schal. Es lag immer weniger Post in deinen Pressefächern. Es hat an den Kinoeingängen Prügeleien um Plätze gegeben. In deinem Wettbewerb laufen Filme, die wir eines Tages um 20.15 Uhr bei Sat1 sehen werden. In deinem Panorama laufen Filme, die wir um 0.20 Uhr bei RTL sehen werden. In deinem Forum laufen Filme, die wir um Mitternacht bei Arte sehen werden. Man sieht sich im Leben immer zweimal.

Liebe Berlinale, die Redakteure wollten ganz ganz kurze Glossen. Jeden Tag kürzer. Jetzt aber sagen sie plötzlich: schreib länger! Es geht ihnen die Puste aus. Aber ich sage: nein.

...Dann eben nicht. Die Redakteure.

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