Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Zehn lange Berlinale-Tage und Nächte sind vorbei – und je nach Temperament ist die Lust auf Kino jetzt gerade so richtig angeheizt oder erstmal nachhaltig gesättigt. Die City Lights jedenfalls haben sich nach dem geballten Einblick in das Filmschaffen aus tausendundeiner Welt entschlossen, sich diese Woche globalem Glanz und Glamour geradezu fundamentalistisch zu verweigern und stattdessen ganz dem bodenständigen Genuß heimischer Großstadt-Dokumentationen zu widmen. Wir holen uns die Stadt zurück, ist dabei das Motto. Und dabei sei gleich vorab gebeichtet, dass die komplizierte Zugänglichkeit der Materie es im Unterschied zur hier üblichen Praxis diesmal nicht zuließ, alle vorgestellten Filme auch selbst in Augenschein zu nehmen. Reisen wir deshalb gemeinsam ins Ungewisse – mit möglichen Enttäuschungen vielleicht, doch mit Risiko- und Abenteuerlust auf jeden Fall, die Entdeckung ungewöhnlicher Spielstätten eingeschlossen.

Es sind – teilweise – auch Filme aus dem Engagement der direkten Aktion, die sich um schöne Bildkomposition und gepflegte Kostümierung wenig scheren. So ist etwa mit Sag niemals nie hier selbstverständlich nicht ein 1983er-Connery-Revival in Sachen „Bond, James Bond“ gemeint, sondern eine rückschauende Video-Dokumentation aus dem Jahr 1991 über die Hausbesetzungen in der Mainzer Straße in Friedrichshain und anderswo in der politisch-gesellschaftlichen Auszeit kurz nach dem Mauerfall. Ein Zeitdokument aus der brodelnden Mitte des damaligen Geschehens, das auch ein unvermitteltes Porträt autonomer Politik jener Zeit von der Antifa bis zu den fälligen Patriarchatsdiskussionen bietet (im Lichtblick von Montag bis Mittwoch).

Zehn Jahre älter und auch ästhetisch schon fast aus einer anderen Welt ist der Film ...und wenn wir nicht wollen ...oder wer sa niert hier wen? von Udo Radek und Lothar Woite, der 1981 im Berlinale–Forum Premiere hatte (zu sehen am Sonntagnachmittag im Wasserturm in der Kreuzberger Kopischstraße). Auch hier geht es um Häuserkämpfe: Auf 16-mm-Material und in Schwarzweiß haben die filmenden Architekten von 1977 bis 1980 Spekulantentum, Sanierungspolitik und Mietergegenwehr im damaligen Sanierungsgebiet Chamissoplatz festgehalten. Auch dies ist ein Dokument einer scheinbar längst vergangenen Zeit, als die Strieders noch Harry Ristock hießen.

Wie aktuell der Stoff immer noch ist, zeigt eine Veranstaltung mit Film und Diskussion, die unter dem Motto Der Bankenskandal – Schrecken ohne Ende mit dem Journalisten Matthew D. Rose am Mittwoch im OSZ Bürowirtschaft und Dienstleistungen stattfindet. Rose selbst dürfte durch seine kompetenten Hintergrund-Veröffentlichungen zur Berliner Sumpflandschaft der letzten Jahrzehnte den meisten ein Begriff sein. Und schon die Gelegenheit, sich einmal ein Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Dienstleistungen von innen anzusehen, sollte die Reise in die Pappelallee in Prenzlauer Berg wert sein.

Noch einige Jahrzehnte weiter zurück in die Geschichte und in die damals eindeutig andere Hälfte der Stadt geht der Filmsamstag im Babylon, der diesen Monat einen neuen Film von Barbara Kasper und Lothar Schuster vorstellt: Joel Agee – eine amerikanische Kindheit in der DDR . Die beiden Regisseure begeben sich mit dem mittlerweile 63-jährigen US-Bürger Joel Agee auf die Suche nach Spuren seiner Kindheit im Ost-Berlin der Fünfzigerjahre, wohin den Knaben eine Liebesbeziehung seiner Mutter zu dem Schriftsteller Bodo Uhse verschlagen hatte. 1960 ging Agee als ganz junger Mann nach New York zurück, zwanzig Jahre später hat er seine entsprechenden Erinnerungen als Buch veröffentlicht („Twelve Years. An American Boyhood in East Germany“). Die Filmemacher lassen Agee Passagen aus diesen Texten vortragen und vermitteln Begegnungen – mit der veränderten Stadt und Freunden von früher. So gerät „Joel Agee“ zur ebenso persönlichen wie politischen Erinnerungsreise, die auch eigene Wahrnehmungsweisen problematisiert – und das ist nicht nur in Zeiten vorschneller Aburteilungen und platter Ostalgie eine immer lohnenswerte Unternehmung.

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