Kultur : Kurzmeldungen

Bodenproben statt verbrannte Erde: Der ehemalige Waffeninspektor gilt längst als Galionsfigur des Friedens. Dabei wird er von seinen Fans oft missverstanden Popstar Blix

Caroline Fetscher

Wenn Hans Blix, der ehemalige UN-Waffeninspektor, aus dem Irak erzählt, gewinnt er seinem früheren Job auch komische Seiten ab: „Wir machten einen Eisschrank auf und fanden Marmelade.“ So bringt er seine Fans weltweit zum Lachen. Dabei nehmen sie Blix, den ehemaligen schwedischen Außenminister und UN-Advokat, eigentlich ernst: Längst gilt er als Galionsfigur der Vereinten Nationen und des Weltfriedens, als Pendant zu Arundhati Roy, der schönen Schriftstellerin aus Indien, die gegen die Arroganz der Macht zu Felde zieht. Die beiden sind gewissermaßen das Traumpaar der Friedensbewegung, Pophelden fast.

Beinahe jedes Kind auf dem Globus weiß heute, warum die UN-Karawane Anfang 2003 in der Wüste des Diktators Saddam Hussein herumwühlte und in Palästen, Fabriken, Plastikfässern und Kühlanlagen nach Spuren jener Stoffe suchte, die den USA und Großbritannien zur Begründung ihres Krieges dienten: Massenvernichtungswaffen. Denn die Inspektoren wollten den Frieden. Stattdessen kam, wogegen Millionen demonstrierten: eine Militärintervention ohne Mandat der Vereinten Nationen .

Wo Hans Blix heute auftritt, umgibt ihn der Nimbus des Helden, der es mit einem Imperium aufnahm und ehrenhaft verlor. Einer, der Bodenproben nimmt, statt verbrannte Erde zu hinterlassen. Der mit einem Treck von Biochemikern nach Dreck sucht, nicht mit einem Trupp Soldaten den Krieg.

Dass er 1928 geboren ist, sieht man dem klaren Gesicht des Juristen nicht an, der in Cambridge, Stockholm und an der Columbia studierte und sich bei der UNO Jahrzehnte lang mit Waffeninspektionen befasste, zuletzt als Kopf der „UN Monitoring, Verification and Inspection Commission“: Kofi Annan hatte ihn dafür eigens aus dem Ruhestand zurückgerufen. Die meisten, die zum erstenmal einen Vortrag von ihm hören, kennen vorher nur einzelne Statements. Erlebt man Hans Blix jedoch als Redner und Diskutant – wie diese Woche vor 400 Gästen im Berliner Interconti-Hotel – wird klar, dass hier weniger ein passionierter Menschenrechtler spricht als ein Rechtsgelehrter mit praktischen wie legalistischen Prinzipien.

Blix bedient seine Fans – und enttäuscht sie sogleich. Bush und Blair verteufelt er nicht: „Sie handelten in gutem Glauben.“ Gerne erinnert er sein Publikum, woran viele nicht erinnert werden wollen: an die langen Jahre der Aggression des Saddam-Regimes gegen den Iran, an den UN-mandatierten Golfkrieg, um Iraks Armee aus Kuwait zu drängen, an die falschen Versprechen, Lügen und Betrügereien eines Regimes, das Gegner mit Giftgas vernichtete und sich anschickte, ein Atomprogramm zu entwickeln.

Massenvernichtungswaffen? Die gab es laut Blix seit Anfang der Neunziger im Irak wohl nicht mehr. „Warum dann das Katz-und-Maus-Spiel mit uns“, fragt er. „Natürlich sind wir nicht willkommen, so wenig wie Steuereintreiber.“ Das Hinhalten der Inspektoren sei womöglich pure Inszenierung gewesen, zur Abschreckung, „wie das Schild, das vor dem bissigen Hund warnt, obwohl gar kein Hund im Haus ist“. Der Irak wollte gefährlich wirken, knurren, ohne Zähne zu zeigen. Auf diesen Bluff seien Bush und Blair hereingefallen.

Hm. So haben sich das viele, zumal die Bush-Gegner, nicht vorgestellt: noch ein Missverständnis zwischen dem Idol und seinen Fans. Gewiss sei der 11. September ein schweres emotionales Erdbeben gewesen für die USA, das könne er begreifen, erklärt Blix. Und mit Colin Powell, Condoleezza Rice und John Negroponte, dem US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, hat er stets einen zivilen Umgang gepflegt. „Doch wer an Hexen glaubt, der sieht in jedem Besen in einer Ecke einen Beweis für ihre Existenz.“ Blix liebt solche Metaphern. Er kann gut reden, und er redet gern.

In der Frage nach Menschenrechts-Inspektionen in einem Land, wo Hunderttausende mit konventionellen Waffen ermordet wurden, bleibt Hans Blix vage. Als junger Diplomat hat ihn das Thema Menschenrechte kaum interessiert; er hielt es für die interne Angelegenheit eines jeden Landes. Mit den Jahren, auch wegen der Apartheid in Südafrika, hat sich das geändert. Hoffnung setzt Blix in die weltweit wachsende Informationsfülle: „Immer mehr Leute erfahren über Medien und Internet von Verletzungen der Menschenrechte und protestierten dagegen.“ Von Intervention oder Inspektion will er hier offenbar nichts wissen. „Wir alle haben mehrere Computer im Kopf“, lautet eine seiner Metaphern, „einen emotionalen und einen rationalen“. Es gelte, vor allem den rationalen Computer zu verwenden.

So ist Hans Blix, dessen Buch über seine politischen Erfahrungen nächsten Monat erscheint, nur auf den ersten Blick das ideale Pendant zu Arundhati Roy. Tatsächlich ist er ein harter, rhetorisch geschulter Weltbeamter. Bush, Blair und Blix spielen in derselben Liga, nur hat Blix eine andere Agenda. An seinem Haus warnt kein Schild vor dem bissigen Hund. Aber es ist einer drin.

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