Kultur : Kurzmeldungen

Während das MoMA in Berlin gastiert, wird das Stammhaus in New York umgebaut und erweitert. Es will sich wieder stärker der Gegenwartskunst öffnen Labor der Moderne

Bernhard Schulz

Die Verantwortlichen des New Yorker Museum of Modern Art weilen in Berlin – aber durchaus nicht allein, um die zahlreichen Empfänge anlässlich der Jahrhundertausstellung „MoMA in Berlin“ durchzustehen, sondern um ihr Haus noch stärker als Reiseziel für Kunstfreunde zu positionieren. Der Anlass des siebenmonatigen Gastspiels ist schließlich nicht so sehr die transatlantische Freundschaft, sondern ganz prosaisch der Totalumbau des New Yorker Stammhauses.

Gestern informierten MoMA-Direktor Glenn Lowry, Chefkurator John Elderfield und der Architekt des Um- und Neubaus, der Japaner Yoshio Taniguchi, über den Stand der Arbeiten. Zum Jahresende soll das von Grund auf erneuerte, völlig neu organisierte MoMA in New York eröffnen. Die Fundraising-Kampagne, 1998 begonnen und auf zehn Jahre angelegt, hat bereits jetzt die anfangs angepeilten 680 Millionen Dollar für Bau, Erwerbungen und Rücklagen eingespielt; mittlerweile liegt die Zielmarke bei 858 Millionen Dollar.

Die Bauarbeiten sind weit vorangeschritten. Erhalten bleiben lediglich der historische, zur Ikone gewordene Erstlingsbau von 1939 mit der bekannten Adresse 11 West 53rd Street und die rechts anschließende Erweiterung durch Philip Johnson von 1965. Alle sonstigen Anbauten oder Zukäufe – darunter auch Johnsons ursprünglich für das Whitney Museum vorgesehene Haus an der 54. Straße – sind mittlerweile abgerissen worden. Der berühmte Skulpturengarten dient als Lager, soll indessen in historischer Form wiedererstehen.

Lowry betonte die besondere Lage des Museums „inmitten des urbanen Gewebes“. Seine bisherige Hauptfront an der 53. Straße weist auf den Geschäftsbezirk von Midtown, während die nördliche Seite an ein gehobenes Wohngebiet anschließt. Künftig soll sich der Haupteingang in dem Neubau befinden, den Tanigochi westlich des Ursprungsgebäudes und noch über den anschließenden Hochhausturm hinaus entworfen hat. Außerdem wird es eine Passage zwischen der 53. und 54. Straße geben, die dem Eintretenden deutlich macht, dass sich das Museum künftig in voller Breite zwischen diesen beiden Querstraßen Manhattans erstreckt. Der Neubau selbst wird die Mehrzahl der Ausstellungsgalerien aufnehmen, während der historische Altbau anstelle des Foyers ein Restaurant mit Blick auf die Oase des Skulpturengartens beherbergen wird.

Die Gesamtfläche des Museums vergrößert sich von 37000 auf 63000 Quadratmeter, die Ausstellungsfläche von 8500 auf 12500 Quadratmeter. Damit wird möglich, was MoMA-Besucher oft genug ärgerlich vermisst haben: eine ständige, auch von großen Wechselausstellungen unberührte Präsentation von Hauptwerken, die die Entwicklung der modernen Kunst kapitelweise darstellt. Elderfield betont, mit den Baumaßnahmen einher ginge die „Rückbesinnung nicht nur auf die Werke der Sammlung, sondern auf die Geschichte der Kunst überhaupt“. Während bislang in der Darstellung des MoMA eine dominierende Entwicklungslinie im Vordergrund gestanden habe – eben das, was als „Kanon“ des MoMA bekannt ist –, solle in Zukunft stärker auf „parallele Bewegungen“ hingewiesen werden. Einzelnen Strömungen wie der Pop-Art sollen ebenso wie einzelnen Künstlern wie Jackson Pollock gesonderte Räume zugeordnet werden.

Weit stärker als bislang soll die Kunst der Gegenwart im Museum ihren Platz finden. Der Mangel an ausreichend dimensionierten Räumlichkeiten hinderte das MoMA lange an Ausstellungen wichtiger Künstler. Das ändert sich: Die stützenfreie, 2000 Quadratmeter große und sieben Meter hohe Halle über dem Foyer des Neubaus ist so ausgelegt, dass sie selbst die schweren – im Museumsbesitz befindlichen, aber noch nie gezeigten – Stahlplastiken von Richard Serra aufnehmen kann. Die Emphase, mit der Lowry vom „Laboratorium der Künste“ spricht, macht deutlich, dass sich das MoMA nicht auf die Rolle des Gralshüters der Klassischen Moderne beschränken will – jene Rolle, mit der es in Berlin ein breites Publikum zu erreichen sucht.

Meisterwerke jedenfalls sind genügend vorhanden, um die Dauerpräsentation auch künftig immer wieder zu verändern. Die Frage, ob die stärkere Präsenz der Sammlung zu einer Reduzierung der Ausleihen an Ausstellungsvorhaben in aller Welt führen werde, verneinen die MoMA-Chefs: „Wir empfinden es als Verpflichtung“, so Elderfield, „wichtige Vorhaben zu unterstützen, die das Verständnis der Kunst vertiefen.“ Kaum ein zweites Museum hat sich in den vergangenen Jahrzehnten derart großzügig gegenüber Leihersuchen gezeigt wie das New Yorker Haus, das sich stets als internationale Einrichtung verstanden hat. Ein solches Gastspiel wie jetzt in Berlin allerdings, bei dem mit 200 Meisterwerken ein Kondensat des MoMA auf Reisen gegangen ist, wird es – Lowry zufolge – wohl nie wieder geben.

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