Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Wie ein freundliches Nachspiel zum Forum der vergangenen Berlinale mutete eine Reihe an, die unter dem Titel „Hongkong Film Panorama“ eine stattliche Zahl aktueller Produktionen aus der zweitgrößten Filmexport-Metropole der Welt im Babylon vorstellt. Doch neben dem Wiedersehen mit Forumsfilmen wie Infernal Affairs , Johnny Tos Running On Karma und Ann Huis Goddess Of Mercy sind in dem breit gefächerten Programm von Horror bis Familienporträt –was sich nicht ausschließt! – auch viele Neuentdeckungen drin. Nicht nur in Sachen Schnitt-Tempo und rasanter Action wird die südostasiatische Filmschmiede trotz mancher Zwischenkrise nach wie vor ihrem Ruf gerecht, im Turbogang zu drehen.

Das betrifft auch die Umlaufgeschwindigkeit von Trends und Stoffen, die es erstaunlich schnell von der Straße in den Kinosaal schaffen. Ein paar Monate Inkubationszeit sind aber auch hier nötig, bis ein Thema seinen Weg in die cineastischen Blutbahnen gefunden hat: Und so hat Samson Chius mit Jackie Cheung und Anthony Wong prominent besetzte Komödie Golden Chicken 2 (Babylon, Montag und Dienstag) trotz ihres Titels nicht die aktuell grassierende Hühnerpest zum Thema, sondern ist – erst – bei der letztjährigen SARS-Epidemie angekommen: eine schwarze Komödie über leichte Mädchen und gewichtige Liebe in Zeiten von Mundschutz und Virenangst. ‚Chicken‘ nämlich werden im Hongkonger Großstadt-Slang auch die Prostituierten genannt. Und die schrillen Abenteuer um das goldene Hühnchen Kum gehen nach dem Kassenerfolg des Prequels damit schon in die zweite Runde: „Golden Chicken“ Nummer Eins (Babylon, Montag und Mittwoch).

Als leichte Mädchen werden auch die Opfer sexueller Gewalt von ihren Misshandlern gerne diffamiert. So auch in der Region um die nordmexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez, wo in den letzten zehn Jahren mehr als dreihundert junge Frauen unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet wurden. Manche auf offener Straße, andere wurden irgendwann tot, vergewaltigt und verstümmelt in der Wüste wiedergefunden. Viele der Opfer waren Arbeiterinnen in den Billiglohnfabriken der Freihandelszone entlang der Grenze, in denen High-tech-Produkte für den US-amerikanischen Markt hergestellt werden.

Die mexikanisch-kalifornische Regisseurin Lourdes Portillo hat sich mit den Familien der Opfer, mit Aktivistinnen und Polizisten getroffen, um den Umständen der bisher von der Weltöffentlichkeit zu wenig beachteten Verbrechen nachzuforschen. „Señorita Extraviada (Missing Young Woman, USA 2001)" ist das Porträt einer boomender Region an den Schnittstellen globaler Verkehrsströme; und ein engagierter und beunruhigender Dokumentarkrimi um staatliches Versagen, der an Brisanz nicht verloren hat. Denn bis zum heutigen Tag sind die Verbrechen weder beendet noch aufgeklärt, auch wenn vorgebliche Einzeltäter vor Gericht gezerrt wurden. Wie jetzt in Belgien im Fall Dutroux gibt es auch in Mexiko zahlreich Hinweise auf strukturelle Hintergründe dieser Verbrechen – und enge Verbindungen zwischen Justiz, Drogenmafia und anderen ehrenwerten und mächtigen Herren der etablierten Gesellschaft. Nach der Vorführung (Sonnabend im Arsenal) im Rahmen der Kampagne „Frauenrechte – Restposten des Weltmarktes“, veranstaltet von Terre des Femmes, wird die mexikanische Menschenrechtlerin Judith Galarza zum Gespräch zur Verfügung stehen.

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