Kultur : Kurzmeldungen

Das andere Amerika: Fluxus-Künstler Emmett Williams zeigt neue Arbeiten im Berliner Haus am Lützowplatz Reiner Zufall

Ulrich Clewing

Vor der Neuen Nationalgalerie stehen jeden Tag Besucherschlangen, um die Meisterwerke aus dem MoMA zu besichtigen. Die wenigsten wissen, dass nicht weit vom Kulturforum entfernt Arbeiten eines Künstlers zu sehen sind, der das andere Amerika repräsentiert: keine gesicherten Werte, sondern Experimente, Witz und unbezähmbare Anarchie.

Rückblick: Wiesbaden, 1.September1962. Die „internationalen Festspiele neuester Musik“ beginnen. Niemand, der seinerzeit dabei war, sollte die Veranstaltung jemals vergessen. Denn hinter dem unverfänglichen Namen verbarg sich etwas Neues, Unerhörtes, ein Skandal der Sonderklasse. Als Erstes stand ein Stück von John Cage auf dem Programm, welches noch in vergleichsweise geordneten Bahnen verlief. Danach war das Werk des Komponisten Philip Corner an der Reihe, die „Piano Activities“, übersetzt: „Klavier Tätigkeiten“. Die Handlungsanweisung lautete: für ein Klavier „und viele Spieler“. Dick Higgins, Alison Knowles, Emmett Williams kamen auf die Bühne und machten sich daran, den wertvollen Konzertflügel vor dem zunehmend schockierten Publikum mit verschiedenen, eher untypischen Gegenständen zu traktieren, darunter ein Pflasterstein und eine Handsäge.

Chronisten haben später diese nachmittägliche Aufführung in Wiesbaden als Geburtsstunde der Fluxus-Kunst identifiziert. Einerseits. Andererseits kann Emmett Williams, inzwischen 79 Jahre alt und in Ehren ergraut, die Geschichte langsam nicht mehr hören. „Wer etwas über Fluxus erfahren möchte, der soll das in Büchern nachlesen“, sagt der Künstler und seine Bilder an den Wänden im Haus am Lützowplatz nicken stumm. Immer wieder in die gleiche Schublade, das hätte jeder irgendwann satt.

Während er sanft Kritik vorbringt, wirkt Williams allerdings so liebenswürdig, dass man ihm die Rolle des Kunstrevolutionärs kaum glauben mag. Das freilich muss kein Widerspruch sein. Fluxus war anti-bürgerlich, weil das Bürgerliche in den frühen Sechzigerjahren gleichbedeutend war mit Langeweile und Erstarrung, doch das heißt nicht, dass die Fluxus-Künstler keinen Sinn hatten für Umgangsformen. Sie haben die wildesten Performances organisiert, aber Schlips und Anzug und geschliffene Formulierungen waren damals Pflicht.

Auch am Lützowplatz, wo derzeit eine kleine Retrospektive gezeigt wird, erweist sich Williams als vollendeter Gentleman. Er hat sie alle getroffen, die Größen seiner Zeit, und mit den meisten davon zusammengearbeitet: mit Marcel Duchamp und Joseph Beuys, mit Daniel Spoerri, Dieter Roth, Wolf Vostell und natürlich mit Georges Maciunas, dem Bohemien und Fluxus-Guru aus New York. Trotzdem, wenn er von früher erzählt, könnte man denken, das seien alles nur glückliche Zufälle gewesen.

Genauso wie seine Arbeiten auch immer nur zufällig entstanden sind. Seine Buchstabengedichte, mit denen er zu einem der wichtigsten Protagonisten der konkreten Poesie wurde: Zufall. Das geniale „E“-Stück von 1956, auf dem lauter E-s erscheinen, die wie kleine Tempel aussehen, weil er das Ganze um neunzig Grad gedreht hat: Zufall. Sein Buch „Sweetheart“, in dem Williams 1967 aus den sieben im Titel vorkommenden Buchstaben (a,e,h,r,s,t,w) ein langes erotisches Poem schuf, das der Erfinder der Pop-Art, Richard Hamilton „das Guernica der Poesie concrète“ nannte: reiner Zufall.

Das ist sicher zu einem Teil Bescheidenheit, zu einem anderen Teil jedoch auch Arbeitsprinzip: Zufall als Methode. Zum Beispiel die „Recycling Series“, die in den letzten zwei Jahren entstanden ist. Da war Emmett Williams beim Atelieraufräumen, und hatte gerade ausrangierte Zeichnungen in der Hand, als ihm auffiel, dass die Rückseiten eigentlich auch ganz gut aussahen. Die delikate Farbigkeit, die sich von vorne durchgedrückt hatte, die elegant geschwungenen Linien, die zustande gekommen waren, als er die Vorderseiten zwei Jahrzehnte zuvor à la Fontana mit einem scharfen Messer aufschlitzte: beste Voraussetzungen, um sich da noch einmal dranzusetzen. Die Blätter wurden also mit Ringbuchverstärkern und Klebepunkten ein wenig verschönert, nun hängt die neue Serie an der Wand, was dem Künstler verhohlen Freude bereitet.

Um Strategien hat sich Emmett Williams der 1925 in South Carolina geboren wurde, später in New York lebte, aber die meiste Zeit seines Lebens in Europa verbracht hat, noch nie sonderlich geschert. Im Haus am Lützowplatz wird auch eine Werkreihe präsentiert, die nicht nur – Ironie der Geschichte – sowohl in der Neuen Nationalgalerie als auch im MoMA gezeigt wurde, sondern auch sonst bemerkenswert ist. Abgebildet sind Berliner Bauwerke, die Williams Anfang der Achtzigerjahre wichtig waren: Gedächtniskirche und Funkturm, aber auch Rotes Rathaus, Berliner Dom und Brandenburger Tor (mit Zeppelin im Hintergrund). Politisch korrekt war das nicht im Jahr 1981, weder im Osten noch im Westen.

Williams hat sich die Freiheit genommen, genauso wie er sich die Freiheit nahm, noch im selben Jahr zum ersten Mal in Polen auszustellen – keine Kleinigkeit unter der Militärherrschaft Jaruzelskis. Seither sind die Verbindungen nicht abgerissen, noch zu Mauerzeiten wurden die Besuche häufiger, die Ausstellungen zahlreicher, sogar ein Festival hat Williams mit ins Leben gerufen. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, dass er jetzt wieder mit dabei ist, wenn im nächsten September in Lodz die erste Kunstbiennale stattfindet. Er ist Ehrenpräsident des Organisationskomitees. Ein Amt, das er zweifellos mit großer Würde erfüllen wird. Und: „Eine wundervolle Gelegenheit, mal wieder eine Performance aufzuführen, oder?“

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, bis 4. April, Di bis So 11 bis 18 Uhr.

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