Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Der größte internationale Erfolg für den bosnischen Film in den letzten Jahren war sicherlich der Oscar, den der junge Regisseur Danis Tanovic vor zwei Jahren für seine bittere Anti-Kriegsparabel „No Man’s Land“ als besten ausländischen Film erhielt. Der Film um drei Soldaten auf verlorenem Grenzposten entspricht wohl auch den Erwartungen, die man sich vom Kino einer von Bürgerkrieg nachhaltig zerrütteten Region macht.

Und selbstverständlich spielen Kriegsgreuel und -traumata auch in anderen Filmen jener und heutiger Jahre eine große Rolle. So etwa in dem kurzen Dokumentarfilm Red Rubber Boots ( am Dienstag), in dem Regisseurin Jasmila Zbanic die Suche einer Mutter nach Überresten ihrer ermordeten Kinder in die aufgelassenen Massengräber begleitet: Deren Gummistiefelchen sind das Einzige, was der Verwesung trotzt. Der Film hatte wie viele andere seine Premiere auf dem Internationalen Filmfestival von Sarajevo, das seit seiner Gründung noch während des Krieges alljährlich die Breite bosnischen Filmschaffens beweist. Doch die Reihe mit Filmen aus Bosnien-Herzegowina, die ab heute im Babylon präsentiert wird, versammelt – neben Auswandererkomödien und Großstadtgeschichten der aktuellen Produktion – auch ältere Filme aus jugoslawischer Zeit, die einen Einblick in die regionale Filmgeschichte erlauben.

So ist mit Einer ist Sarajevo (am Sonntag) von Hajrudin Krvavac aus dem Jahr 1972 einer der – auch weltweit – erfolgreichsten Vertreter des damals blühenden Partisanenfilms im Programm. Für morgen nachmittag ist ergänzend dazu ein Round-Table-Gespräch zum Kino des Landes angekündigt, an dem unter anderem die Leiterin der Kinemathek von Bosnien-Herzegowina teilnehmen wird.

Die Apokalypse kann – zum Glück – auch ganz anders aussehen, wenigstens im Kino. Einen witzig-apokalyptischen Gewaltmarsch durch die Evolutionsgeschichte unternimmt der italienische Zeichner Bruno Bozzetto in seiner Animation von Maurice Ravels Bolero . Am Anfang war eine weggeworfene Colaflasche. Und am Ende ist der Mensch nicht nur des Menschen Wolf. Bozzettos bissige Zivilisationskritik war auch an Walt Disney gerichtet, der ein Vierteljahrhundert zuvor in seiner „Fantasia“ Strawinskys „Sacre du Printemps“ zu einem Gang durch die Schulbuchdarwinistik animiert hatte. Und auch sonst ist Allegro Non Troppo ein prallbunter 70er-Jahre-Gegenentwurf zu dem biederen Animationsklassiker dieses „gewissen Frisney“, wie es in der burlesken Rahmenstory anspielungsreich heißt.

Dabei serviert auch der Italiener Bozzetto ein ganz ähnliches Potpourri populärer Klassik von Stilrichtungen, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken lassen. Die dazugehörigen Bildtonarten reichen von Vivaldischer Vorklassik bis zum Surrealismus, sind aber fast durchgängig edelmannesk beswingt. Und auch inhaltlich liefert „Allegro non troppo“ die gesamte Palette von der sentimentalen Tiergeschichte bis zur humorigen Bibelumdeutung. Dass im Ende auch Bozzettos vitalistische Faun- und Tittenfantasien nicht die wirkliche Alternative zu Disneys prüde dahintaumelnden Delphinschwärmen sind, steht auf einem anderen Blatt. Zu sehen und genießen ist das alles im Filmkunst 66, von Donnerstag bis Sonnabend.

Ansonsten soll an dieser Stelle zumindest kurz hingewiesen werden auf eine Werkschau des großen japanischen Regisseurs Hiroshi Shimizu im Arsenal. Unter westlichen Zuschauern chronisch unterschätzt, wurde der 1966 im Alter von 63 Jahren gestorbene Regisseur von seinen Regiekollegen Ozu und Mizoguchi als Meister verehrt. Von den zwölf Filmen der Reihe sind in dieser und der kommenden Woche sechs Beispiele aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren noch einmal zu sehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar