Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Immer stärker finden die in den politischen Entscheidungsprozessen ausgeblendeten kritischen Stimmen ihr Exil in den Gefilden der Kunst. Und wenn, wie im aktuellen Arsenalprogramm, von den „immer brüchiger werdenden Übergängen zwischen Kunst und Kino“ die Rede ist, muss dieses Politische mitgedacht werden. Streng unter künstlerischen Kriterien betrachtet etwa wären die im Arsenal für Freitag im Rahmen der 3. berlin biennale für zeitgenössische kunst angekündigten Videointerviews mit UrbanismusexpertInnen über Berlin von Jesko Fezer und Axel Wieder als missglückt zu bezeichnen: aneinandergereihte, trockene Interviewstücke aus den üblichen Wohnzimmerecken. Die größte visuelle Ablenkung ist eine Katze, die irgendwann den Kamerawinkel kreuzt.

Andererseits könnte für TV-Kulturmagazingucker solche Enthaltsamkeit auch eine Kur sein. Endlich einmal unabgelenkt zuhören. Denn aus der Kette der einzelnen Beiträge entfaltet sich sukkzessive eine umfassende Rekapitulation Berliner Stadtentwicklungspolitik von den ersten Hausbesetzungen bis zum derzeitigen Ausverkauf öffentlichen Raums. Die Interviews bieten sich als anregende Grundlage zur Debatte über Entwicklungsalternativen dieser Gesellschaft an: morgen Abend mit den beiden Filmemachern wie auch einigen der Interviewten.

Während die Marke Berlin mit Shopping-Nächten und Mega-Ausstellungen aufgewertet werden soll, hat sich parallel zu den offiziellen Großereignissen in Kreuzberg ein alternativer Erlebnistourismus entwickelt, der einmal im Jahre zu echtem Eventcharakter aufflammt. Die Berliner Filmemacherin Nives Konik ging letztes Jahr mit einem Trupp Kameraleute auf die Straße und beobachtete einen Tag lang das 1. Mai-Geschehen um den Oranienplatz mit Demo, Straßenfest und nächtlichem Krawall. In der daraus entstandenen Dokumentation Berliner Maifestspiele kommen polizeiliche Einschätzungen ebenso zur Sprache wie Aktivisten mit politischem Anspruch, der „Einmal-im-Jahr-muss-Spaß-eben-sein“-Veteran und die Konfliktentschärfer. Ein Polizist führt die subkutanen Rüstungsmaßnahmen unter seiner Uniform vor, während Journalisten routiniert das Geschehen als „Spaßgesellschaft von ganz unten“ auf den Punkt bringen. Doch welche Rolle spielen die Medien selbst mit ihrer sensationsheischenden Praxis? Wo ist eigentlich die Grenze zwischen dem Spaß, dem Politischen und dem Sozialen? Kann man Marx gegen Hansa-Pils ausspielen? Und weshalb will sie partout nicht gelingen, die „Politik der ausgestreckten Hand“? „Sicher könnten wir einfach alles zubetonieren“, sagt ein polizeilicher Entscheidungsträger, „damit kein Pflasterstein mehr zum Werfen bleibt.“ Auch eine Möglichkeit der Gestaltung öffentlichen Raums. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Nives Koniks „Berliner Maifestspiele“ sind zu sehen am Dienstag (in Anwesenheit der Filmemacher) und Mittwoch im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz.

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