Kultur : Kurzmeldungen

Polen (2): In ihrer Heimat kennt jeder Anna Maria Jopek. International ist die Jazzsängerin noch zu entdecken Stolze Seele

Johannes Völz

„Sie müssen Anna Maria Jopek treffen“, sagt der Herr vom polnischen Kulturinstitut. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein. Er hat diesen Satz mindestens ein dutzend Mal wiederholt in den vergangenen Tagen, seit er eine kleine Gruppe deutscher Musikjournalisten durch Warschau führt. Und immer liegt diese Dringlichkeit in seiner Stimme. Als erwarte er, dass sich die deutschen Kritiker anstecken ließen von seiner Aufgeregtheit. Und was muss er hören, jedes Mal aufs Neue? Na gut, ja ja, Anna Maria Jopek. Nie gesehen, nie gehört. Kann so wichtig nicht sein.

Natürlich: reine Ignoranz. Gesehen hat man Anna Maria Jopek übrigens schon längst. Man kommt gar nicht drum herum. In Warschau sind selbst die Busse mit ihrem Porträt plakatiert, den makellosen, feinen Gesichtszügen, den tiefblauen Augen, der blonden Mähne. Ein Gesicht, das man gar nicht übersehen kann. Je mehr man erfährt über diese Frau, desto unglaublicher erscheint es, dass sie nicht einmal den Spezialisten aus dem westlichen Nachbarland ein Begriff ist. Die 34-jährige Sängerin und Pianistin ist ein nationaler Pop-Jazz-Star, der bis zu 150000 Exemplare eines Albums verkauft (in Deutschland bezeichnet man bei Jazzalben bereits eine Auflage von 5000 als “Erfolg“), der hundert Konzerte pro Jahr gibt, regelmäßig im Fernsehen auftritt. Und der darüber hinaus zur Identifikationsfigur geworden ist. Anna Maria Jopek ist stolze Polin, und vor allem: Polen ist stolz auf Anna Maria Jopek.

Wir treffen Anna Maria Jopek morgens um neun. In einem Hotel, kurz vor der Rückreise nach Deutschland. Sie entschuldigt sich für ihre Müdigkeit, ihr Aussehen. Dabei sieht sie blendend aus, und müde wirkt sie auch nicht. Etwa, wenn sie von ihrer Platte mit dem amerikanischen Gitarren-Helden Pat Metheny erzählt. Wegen der Sturheit der Plattenindustrie ist sie noch immer nicht auf dem internationalen Markt: Metheny ist bei Warner unter Vertrag, Jopek bei Universal. Der Kooperationswillen der Musikindustrie-Giganten reichte gerade soweit, die Platte in Polen freizugeben, obwohl ein Kritiker sie als „das wichtigste Album der polnischen Musikgeschichte“ bezeichnete.

Jopek reist mit ihrer Band auch in die ärmsten Regionen Polens. „Oft sind Bühne, Licht und Sound bescheiden. Aber so lange irgendwo ein Publikum auf uns wartet, treten wir auf.“ Und die Sängerin, die mit 19 an der Manhattan School of Music in New York studiert hat, spricht von ihrer „polnischen Seele“. „Ich will nicht klingen, als sei ich aus New York. Ich singe polnisch, ich hänge an polnischer Folklore.“ In Warschau ließ sie sich zur klassischen Pianistin ausbilden. Ihre Texte greifen aber gerne einfache Volksweisheiten auf. Nach dem Motto: Wer nicht geliebt hat, hat nicht gelebt. „In unserer Volksmusik ist das nicht banal. Jedes Gefühl wird in ein sprachliches Landschaftsbild gefasst.“ Alte Mythen, verwurzelt in der Natur: Das macht wohl die Kraft ihrer „polnischen Seele“ aus. Auch in der Musik selbst blitzt Lokalkolorit auf, slawische Skalen mischen sich mit jazzigen Saxofonsoli, rockigen Rhythmen und Synthesizerschwaden.

Polnisch ist nicht gerade üblich im Jazz, geschweige denn in der Popmusik. Doch wenn Jopek eine Ballade anstimmt und sich die Band sich weit ins Pianissimo fallen lässt, dann entfaltet diese Sprache mit ihren vielfältigen weichen Konsonanten eine Musikalität, die an die sonore Melancholie der brasilianischen Bossa Nova-Sänger erinnert. Was kein ganz abwegiger Vergleich ist, denn Jopek greift immer wieder auf brasilianische Rhythmen zurück, auf die unaufdringlich groovende Begleitung der Gitarre etwa. Jopek ist eine Meisterin der Ballade, kein Zweifel. Sie beherrscht das Repertoire der Expressivität. Sie haucht, verschleppt auch mal das Tempo und hält sich doch an das Maß des guten Geschmacks, verzichtet auf das zum Klischee geronnene Kopfkissengeflüster vieler Jazzsängerinnen.

Auf ihrer jüngsten Live-Platte „Farat“ – auch diese CD ist in Deutschland bisher nur über das Internet zu bestellen - wechselt sie die Tempi. Da tanzt der französische Star-Percussionist Mino Cinelu über seine Trommeln und der polnische Jazz-Klaviervirtuose Leszek Mozdzer gräbt sich tief hinein in Chopinesken. Jopek ist ein Star in Wartestellung. Eine einzige ihrer Platten, „Barefoot“ (Emarcy/Universal), steht bei uns in den Plattenläden, seit zwei Jahren werden ihre anderen Bestseller-Alben angekündigt. Schon lange gibt es Pläne einer gemeinsamen Tournee mit Sting Vielleicht klappt es in diesem Jahr, es wäre sicher der internationale Durchbruch. Und doch, ihre größte Angst betrifft ihr polnisches Publikum. „Was, wenn ich eines Tages so viel aufgetreten bin, dass die Leute sagen: Du langweilst uns? Das ist mein Albtraum.“

Anna Maria Jopek singt am 22.4. um 21.30 Uhr im Tränenpalast, Reichstagsufer 17 (Mitte).

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