Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Ein Babyface im Wallegewand, das mit süßlichem Lächeln die Harfe zupft: So charmant wie in Peter Ustinovs Interpretation wurde uns der böse Kaiser Nero im Religionsunterricht nicht vorgestellt. Kurze Ausschnitte aus Mervyn LeRoys Quo Vadis flimmerten nach dem Tod Ustinovs kürzlich durch alle Fernsehkanäle und machten Lust auf mehr von diesem Film, mit dem der Schauspieler seine Weltkarriere begründete. Auch Sophia Loren gab als Sklavenstatistin ihr Leinwanddebüt. Jetzt kann man genüsslich nachsitzen: Am Samstag und Montag zeigt das Babylon den Fastdreistünder im Rahmen einer kleinen Ustinov-Hommage in voller Länge, wenn auch leider nur im kleinen Studiokino am Rosa-Luxemburg-Platz.

Das Gegenprogramm zum Monumentalismus gibt es vier Tage später am gleichen Ort. Statt des alten Roms das Brandenburg der Jetztzeit. Manchmal ist das Naheliegende ja erkenntnisreicher als die Reise in weit entfernte Regionen: Mit vermutlich ähnlichen Gedanken wurden vor zwei Jahren fünf Regiestudenten der Potsdamer Filmschule – vier Männer und eine Frau – an die südliche Landesgrenze Brandenburgs entsandt. Dort sollten sie mit Kamera und Mikrofon einen Landstrich erkunden, der zu DDR-Zeiten zu den bedeutendsten Industrieregionen des Landes gehörte. Jetzt sind die meisten der damaligen Betriebe abgewickelt, und nur die Arbeitslosigkeit prosperiert. Die Kleinstadt Lauchhammer hat seit der Wende ein Viertel ihrer ehemals 26000 Einwohner verloren. Doch die, die geblieben sind, wollen nicht aufgeben. Aussicht auf Hoffnung nennt sich das aus dem Babelsberger Projekt erwachsene Filmprogramm mit Porträts von fünf den Zeitläuften trotzenden Lauchhammerern.

Die Wirtin der Kutscherstube etwa, die nur dank solidarischer Nachbarn überlebt, weil sie sich bezahlte Arbeit nicht leisten kann. Sogar die entlassene Kellnerin hilft freundschaftlich aus. Oder der junge Mann, dessen hochfliegende Pläne für ein Sportcenter immer wieder scheitern. Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten: Frau Richter, die einen Kohlengroßhandel gegründet hat und jetzt mit den Vertretern von Vattenfall das Bergmannslied singt. Oder die dunkelhäutige Juliane, die als Flüchtlingskind aus Kolumbien in die Lausitz kam und in eine Gastwirtsfamilie einheiratete. Jetzt serviert sie den Männern vom Gesangsverein Wurstplatten und Bier. Die fünf kleinen Filme sind Miniaturen, denen man die Unerfahrenheit ihrer Macher durchaus ansieht. Doch das Fehlen der üblichen Zaubermittel aus dem dokumentarischen Trickkästchen ermöglicht einen frischen, authentischen Einblick in die Region und die Arbeitsweise der Regielehrlinge. Als Dokumentarfilm des Monats am Mittwoch im Babylon (Wiederholungen nächsten Donnerstag und Freitag), anschließend Gespräch mit den Filmemachern.

Zuletzt soll hier noch ein erfreulicher Aufbruch im Osten der Berliner Kinolandschaft vermeldet werden. Seit kurzem existiert in den ehemaligen Räumen des Kinos Nord in der Greifenhagener Straße in Prenzlauer Berg ein neues Filmtheater, das sich ganz dem russischen Film verschrieben hat: Noch bis Sonntag läuft im Kino Krokodil der letzte Film des früh verstorbenen russischen Schriftstellers, Regisseurs und Schauspielers Wassilij Schuschkin: Kalina Krassnaja (Roter Holunder, 1974), in dem Schuschkin selbst die Hauptrolle eines entlassenen Strafgefangenen spielt, gilt zu Recht als Klassiker eines kritischen sowjetischen Realismus.

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