Kultur : Kurzmeldungen

Das Festival „Europamusicale“ bringt Klassik-Ensembles aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten nach Berlin Die Stilvertreter

Frederik Hanssen

Klingt so das neue Europa? Tastend wagt sich eine einsame Flöte hervor, reiht zögernd Ton an Ton. In kleinen Intervallsprüngen schraubt sich die Melodie in die Höhe, sinkt wieder in sich zusammen. Dann setzt das übrige Orchester ein, malt in kaum verschleierter Tonalität dunkel grundierte, impressionistische Stimmungsbilder. Wie bitte? Der Komponist Levente Gyöngyösi soll wirklich erst 28 Jahre alt sein! Seine Musik jedenfalls klingt, als sei er nicht 1975 geboren, sondern 1875. Keine Frage, der junge Ungar beherrscht das klassische Kompositionshandwerk; und es gelingt ihm sogar, sein Stück „Verkündigung“ so geschickt zu instrumentierten, dass der konventionelle Orchestersatz nicht nach durchschnittlicher Hollywood-Filmmusik klingt, sondern durchaus zu einem eigenen Klangfarbenspektrum findet. Und doch drängt sich beim Hören ein Gedanke auf: Diese rückwärts gewandte, von jeder Zeitgenossenschaft abgekoppelte Partitur trifft genau jenen „gesunden“ musikalischen Tonfall, den kommunistische Machthaber stets einforderten.

Wenn zur Eröffnung des Festivals „Europamusicale“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vom Danubia Jugend Sinfonieorchester so ein Werk gespielt wird, soll man sich dann fürchten – vor den jungen Menschen, in deren Händen die Zukunft der europäischen Union liegt (wie Festivalmacher Helmut Pauli formulierte)? Weil sie konservativer sind als ihre Väter und ihre Visionen in der Vergangenheit suchen. Oder bewegen sich die Nachwuchs-Komponisten aus dem Osten ohne den Ballast der West-Avantgarde einfach freier im Tonraum?

Man kann Gyöngyösis „Verkündigung“ aber auch für einen Zufall halten; weil der Rest des ungarischen Abends ebenfalls eher zufällig wirkt. Neben Franz Liszts erstem Klavierkonzert (bei dem der blutjunge Solist Tihamer Hlavacsek allein in den lyrischen Passagen überzeugt) spielen die Musiker unter der Leitung von Domonkos Heja ein Nebenwerk von Béla Bartók (seine naiv-folkloristischen „Bilder aus Ungarn“) sowie das fluffige spätromantische Divertimento von Ernö von Dohnanyi, „Sinfonische Minuten“. Ein positives Profil der Kulturnation Ungarn ergibt sich daraus kaum.

Blättert man im Programm des Festivals, das bis Ende Mai in Berlin, München, Leipzig und Wiesbaden den zehn neuen EU-Mitgliedsländern Gelegenheit bietet, nationale Ensembles und Komponisten vorzustellen, wächst die Verwirrung noch: Dass Zypern seinen weltweit geschätzten Pianisten Cyprien Katsaris entsendet (allerdings nicht nach Berlin), ergibt Sinn. Warum Malta aber eine Kammerformation seines Theaterorchesters auf Reisen schickt, wo doch der maltesische Tenor Joseph Calleja gerade zu einer internationalen Karriere ansetzt, bleibt unklar.

Für die Orchester der einstigen Ostblock- Länder kommt ein Imageproblem hinzu: Sie gelten als billige Truppen, die sich Laienchöre gerne einkaufen, weil die deutschen Ensembles um ein Vielfaches teurer sind, die aber auch bei jenen Konzertveranstaltern beliebt sind, die ihr Geld mit „Juwelen der Klassik“ verdienen. Was nichts über die Qualität aussagt: Denn die Ausbildung im ehemaligen Ostblock ist exzellent und die Motivation riesig. In Lettland oder Slowenien Musiker zu sein, bedeutet, dass man sich keinen anderen Beruf vorstellen mag – schwerer kann man es sich in den vom Kapitalismus überrannten Staaten nämlich kaum machen.

Polen geht offensiv mit dem Image-Problem um und schickt seinen Komponistenstar Krzysztof Penderecki. Sonst aber fehlen zugkräftige, über Fachkreise hinaus bekannte Namen. Da wird es schwer, die übersättigten, von Schumann-, Brahms- und Beethoven-Zyklen ortsansässiger Chefdirigenten verwöhnten Hauptstädter ins Konzerthaus zu locken, trotz extrem günstiger Preise. Die verdienstvollen Münchner Veranstalter von „Europamusicale“ haben den Ball geworfen – wer wird ihn auffangen?

Im Rahmen des Festivals sind bis zum 26.5. noch Musiker aus Estland und Litauen, Malta, Lettland, Polen und der Slowakei zu erleben. Infos: www.europamusicale.com

Am morgigen Donnerstag findet ab 19 Uhr im Konzerthaus ein weiteres Präsentationskonzert der Neulinge statt, diesmal jedoch vom „Kulturjahr der Zehn“. Begleitet von den Berliner Symphonikern und ihrem Chefdirigenten Lior Shambadal wird ein Sänger aus jedem neuen EU-Land an der Opern-Gala beteiligt sein.

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