Kultur : Kuscheln am Mördereck

Jenni Zylka

wundert sich über ihr altes Kreuzberg Ach Kreuzberg 36, wie haste Dir verändert. Das war ja schon ganz und gar aufgegeben worden, dieses Fleckchen im Südosten Berlins, verlassen von Klüngel und Szene, die Jungen verschmähten es, die Alten kehrten ihm gelangweilt den Rücken und zogen mit ihrer Brut lieber ins Grüne oder nach Schöneberg, wegen der Ausländerquote in den Schulen. Schöne Ex-Linke! Und nun das: Da schlendert man an einem normalen, wetterfesten Abend über die Wiener Straße, an der leere Kneipen dem sicheren Ruin entgegendämmerten. Plötzlich sind sie nicht nur voll, sie bersten geradezu.

Bestimmt Krawalltouristen: Sie gehen ins Travolta, das so genannte Mörder- Eck, wo es im letzten Jahr zu einer echten Schießerei mit Todesfolge gekommen war. Sie gehen ins Madonna und ins Morena, die ersten Kneipen am Platze, in denen früher die Nacht zum Tag, und jetzt der Tag zur Nacht gemacht wird. Sie kaufen schnieken Schnickschnack für die Lounge-Wohnung, sie schieben Kinderwägen, stehen am Samstagnachmittag vor den Bars und gucken Fußball, räumen Robben & Wientjes-Wagen ein und aus. Wiederbelebung erfolgreich.

Nur scheintot war auch das Wiener Blut, das gerade seinen 15. Geburtstag gefeiert hat, und in dem in den späten 80ern vor allem Musik aus den späten 80ern lief. Jetzt, in den frühen 00ern, ist dort alles erlaubt, vor allem samstags. Am konsequentesten von allen Wiener Straßen-Bars hat sich das Wiener Blut in der Wiener Straße 14 allerdings in der Ausstattung gewandelt: Rotorange und plüschig gepolstert, ist es die goldene Mitte zwischen einer kühlen Loungebar und schmuddeligem Besetzer-Rockloch. Am 23.10. legt mal wieder eine passende DJane auf: Frau Harriet präsentiert Elektrodanceflorrockshocker, eine Melange der Musik zwischen 60ern und 00ern, die die Melange der Kneipenatmosphäre quasi spiegeln kann.

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