Kuschen oder Kuscheln : Ein Rundumschlag in Sachen Gehorsam

Auch wenn Kindererziehung und das Soldatenleben auf Anhieb wenig gemein haben: Um Disziplin geht es auch auf der Gorch Fock. Und schon klopft der nächste Bestseller an die Tür - das Erziehungstagebuch der US-Chinesin Amy Chua.

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Daumenlutscher, Suppenkaspar, Zappelphilipp, Hans-Guck-in-die-Luft: unartige, „böse“ Kinder gibt es nicht erst seit Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“. Das Verhungern jedoch, das Abschneiden von Gliedmaßen oder das Verbrennen bei lebendigem Leib als drakonische Strafen für ein entsprechend ungebührliches, „verbotenes“ Verhalten sind Historie. Sollte man meinen. Die Reformpädagogik der siebziger Jahre hat mit solchen Repressalien gründlich aufgeräumt (in Deutschland), und bis heute weht um die wachsenden Berge unserer Erziehungsratgeberliteratur das selige Lüftchen des Antiautoritären. Lesen muss man das alles nicht, weder als Eltern noch als Nichteltern, denn die Folgen dürften zu Hause ebenso evident sein wie beim samstäglichen Einkauf im Bio-Supermarkt, wo sich der „mündige“ Vierjährige zwischen 17 verschiedenen Nougatcreme-Geschmäckern brüllend auf dem Boden wälzt.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die gesellschaftliche Toleranzschwelle gegenüber dem, was Kinder dürfen und müssen, wieder sinkt. Angekündigt hat sich das schon länger, man denke an Bestseller wie Michael Winterhoffs „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ oder an Einschlägiges aus der Feder des ehemaligen Salem- Leiters Bernhard Bueb ( „Lob der Disziplin“). Schluss mit Augenhöhe und Kuschelkurs, fordern diese Bücher, und finden nicht zuletzt deshalb reißenden Absatz, weil man sich bei der Lektüre so schön gruseln kann – vor der herrschenden Realität wie vor der eigenen Erfahrung und Erinnerung. Begriffe wie Härte, Strenge, Gehorsam, Disziplin, Konsequenz und Strafe tauchen aus den Tiefen (und Untiefen) des kollektiven Gedächtnisses auf, und ohne dass man sich bekennen muss, reibt sich plötzlich etwas an unserer so trefflich eingeübten politischen Korrektheit.

Auch wenn Kindererziehung und das Soldatenleben auf Anhieb wenig gemein haben: Um Disziplin geht es auch auf der Gorch Fock. Just in dem Moment, in dem der „Staatsbürger in Uniform“ durch die Abschaffung der Wehrpflicht ein Stück weit aus der Gesellschaft verschwindet, gerät der bundesdeutsche Mythos der „inneren Führung“ ins Wanken – Zufall? Die Ereignisse auf dem Segelschulschiff der Bundeswehr führen vor Augen, was wir gern vergessen: Dass es Bereiche gibt, in denen Autorität und Gehorsam überlebenswichtig sind, nach wie vor. In kriegerischen Auseinandersetzungen zum Beispiel oder im Erproben eines etwaigen Ernstfalls. Und auch im Leistungssport und in der Kunst kommt man mit Wellness und Laissez-faire nicht weit – nur dass Natalie Portman als Primaballerina in „Black Swan“ eben so sehr viel attraktiver ist als eine mit Blockflöten werfende Ursula Sarrazin oder ein panisch geschasster Fregatten-Kapitän.

Und schon klopft der nächste Bestseller an die Tür: Das Erziehungstagebuch der US-Chinesin Amy Chua („Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“), das schon vorab für mächtig Wirbel sorgte. Abgesehen von der Militanz des Titels ist der Gruselfaktor hier gleich dreifach am Werk. Erstens: Die Autorin, 48, hat es als Juraprofessorin in Yale ganz offensichtlich geschafft, sie weiß also, wovon sie spricht. Zweitens: Die Autorin ist eine Frau (mit einem Gatten, der sich auf Fotos von den beiden Labradors der Familie nur bedingt unterscheidet). Drittens: Amy Chua ist Asiatin, und die Asiaten (Mao, Lang Lang) verstehen bekanntlich etwas von Drill, Disziplin, totaler Unterwerfung.

Ein Klischeepaket, das Wirkung zeigt. Das liberale Amerika schäumt – und Chua genießt und gibt Interviews. Darüber, dass sie ihren beiden Töchtern (die optisch einen unversehrten Eindruck machen) schon mal mit dem Abfackeln der Lieblingsstofftiere gedroht habe, wenn es in Mathe nur eine Eins minus war; oder dass Kinderpartys und Computerspiele grundsätzlich tabu sein müssen. Kompensiert wird das im Hause Chua mit Geigen- und Klavierunterricht. Klassische Musik, sagt die „Exerzierfeldwebelin“, sei das „Gegenteil von Niedergang, Trägheit und Verwöhnung“. Da ist zweifellos etwas dran. Schade nur, dass man Kunst nicht befehlen kann. Louisa Chua jedenfalls, 15, hat ihre Geige vor zwei Jahren an den Nagel gehängt und spielt jetzt Tennis. Eine zweite Venus Williams wird sie nicht, sagt ihre Mutter.

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