Kultur : Kusej inszeniert Donizetti: Doof geboren, viel gelernt

Frederik Hanssen

Am Ende, beim Applaus, kippt der dreibeinige Stuhl dann doch noch um - niedergestreckt von einem verirrten Bouquet, das eigentlich vor den Füßen der wunderbaren Catriona Smith landen sollte. Wie hatte der ganze Saal auf diesen Moment gelauert: Immer ließ sich der Bassist im Tropenanzug auf die klapprige Sitzgelegenheit fallen, rutschte hin und her, zog gar die Gattin auf sein Knie - und wollte einfach nicht hinten über fallen. Manchmal sind die verweigerten Gags eben doch die besten.

Martin Kusej inszeniert Gaetano Donizetti - da liegt die Sensation schon in den Namen: Kusej, der Analytiker, der Stückedurchleuchter, dessen Grazer "Salome" zum Angsschweißtreibendsten gehört, was die jüngere Inszenierungsgeschichte der Oper zu bieten hat, wagt sich in Stuttgart zum ersten Mal an etwas Komisches. Intendant Klaus Zehelein hat also mal wieder bis zu Ende gedacht: Konstellationen wie diese machen die viel gepriesene Stuttgarter Dramaturgie aus - weil sie die Möglichkeit des Scheiterns auf höchstem Niveau von vorneherein mit einkalkulieren.

Über 600 Werke, darunter 71 Opern in 51 Lebensjahren hat der Komponist aus Bergamo, der schnellste Vielschreiber aller Zeiten, seinem hübschen Kopf abgerungen. Die Fruchtbarkeit Donizettis, so Heinrich Heine, werde allenfalls noch von der eines Kaninchens übertroffen. Ende der 1820er Jahre schrieb Donizetti eher nebenbei und zum Wohle der eigenen Tasche zwei Einakter, die "Sitten und Unsitten des Theaters", einen Schwank aus den Kulissen einer Provinzklitsche, und "Die Irren aus Vorsatz", eine konventionell gestrickte Verstellungskomödie, die ihren Reiz aus dem Ambiente einer geschlossenen Anstalt zieht. Stimmsportstücke? Zucker für die Abonnenten?

Martin Kusej nimmt die beiden Eineinhalbstünder zunächst als das, was sie sind: Farcen, Momentaufnahmen aus einer restlos durchgeknallten Welt. Und da ist ihm kein Kalauerkunstgriff zu schade: Es gibt einen selbstherrlich agierenden Kaffeeautomaten, die Masche mit der Klappliege wird ausführlich durchgespielt, Stehleitern werden geschwungen, Chor und Solisten chargieren, dass die Schwarte kracht. Die inzwischen reichlich abgegriffen wirkende DDR-Endzeit-Ästhetik der Bühne (Martin Zehetgruber) bewirkt hier Gutes: Sie gibt dem Treiben eine groteske Note, einen Hauch Marthaler. Die Musik selber nämlich hat wenig Witz beizutragen. Donizetti schreibt weitgehend Routine-Belcanto, mit effektvollen Cavatinen für die Damen und nähmaschinenhaft abschnurrenden Quintetten. Enrique Mazzola macht das Beste daraus, legt sein Dirigat als Schwebebalken-Nummer an: da klingt alles anmutig, gaukelt Schwerelosigkeit vor, und beim organisierten Chaos der Ensembles balanciert er mutig-mutwillig haarscharf am Rande des Absturzes.

Das Wichtigste aber sind - die Sänger. Zum Beispiel Wolfgang Schöne. Nachdem er im Stuttgarter "Ring" als "Siegfried"-Wanderer die Welt durchstreifte, gibt der Bassist nun mit entwaffnender Drauflos-Drastik die Mamma Agata, die eigentliche Helding der Opernfarce: im Guildo-Horn-Look kämpft sie für die Karriere ihrer Tochter und gegen die Primadonna. Mit Eva Lind hat Schöne da allerdings eine harte Konkurrentin erwischt: Die junge österreichische Koloratursopranistin sieht nämlich nicht nur umwerfend aus, sondern singt auch so. Überhaupt wartet hier eine Truppe auf, wie man sie sich attraktiver nicht wünschen kann. Dass die meisten Sänger Ensemblemitglieder sind, ist im amtierenden "Opernhauses des Jahres" fast eine Selbstverständlichkeit.

Eine interpretatorische Tiefsinnigkeit erlaubt sich Kusej in all dem Jubeltrubel allerdings doch: Am Ende der Theater-Farce senkt sich bereits das Bühnenbild zum Irrenhaus-Stück herab, die Operntruppe wird hinter Anstaltsmauern ruhig gestellt. Weißbekittelt schlurfen die Sänger im Hintergrund herum, während vorne der Knoten der zweiten Intrige festgezurrt wird: Doof geboren ist hier keiner, doof gemacht werden alle - durch ihre Gefühle. Kusej spielt eine Zeit lang mit, lässt die vorsätzlich Spinnerten um sich selber und ihre Beziehungskonstellationen kreisen, bis dem Zuschauer schwindelig wird.

Dann macht er plötzlich das Licht aus, stoppt die Musik. Sieben Egozentriker liegen japsend am Boden, rezitieren leere Librettophrasen und bemerken die offene Tür gar nicht, durch die sich die Operntruppe aus dem Staub macht, auf zu neuen musikalischen Taten. Ein Triumph der verrücktesten aller Künste auf Zehenspitzen.

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