Kultur : Kylie Minogue: Hallo Hedonisten!

Jost Kaiser

Dass es in einem Kylie-Minogue-Konzert, mal einen Moment geben würde, in dem man den Friedrich Merz gerne dabeigehabt hätte - das war nicht abzusehen. Aber als während des Stückes "Your disco needs you" in der Berliner Columbiahalle die deutsche Fahne geschwenkt wurde - da war es so weit. Erst wehte das Banner noch neben dem Australiens an der Fahnenstange, dann ließen es die Kylie-Go-Go-Girls wie ein Lasso über dem Kopf schwingen, schließlich endete das Textil als Lendenschurz an kreisenden Tänzerinnen-Lenden neben anderen an Tänzerinnen-Lenden kreisenden Flaggen. Und dazu singt Kylie auf Deutsch: "Du bist niemals allein."

So einfach ist das: die Disco als soziale Utopie, in der alle Unterschiede von Nation über Geschlecht bis Alter im stampfenden Rhythmus eingemacht werden. Das Medium als Botschaft, der Text als eigentlich überflüssige Sinn-Doppelung: "Love you", "Turn it into love", "Touch me" oder einfach nur "Love", "Feel", "wow", "hey", "uhhh!"-Disco, das Fest der Liebe, der lasziven Freude, der Körper. Mach mit, sei dabei ruft Kylie in ein glitzerndes Nichts gewandet, der Kitsch wird sozialisiert: "You have so beautyful faces", sagt Kylie. Hallo Hedonisten!

Lange Rede, kurzer Sinn - und der ist nicht größer als 1,60 Meter: Kylie Minogue ist wohl zurzeit die größte Disco-Queen und wird in der Columbiahalle von 2000 Menschen auch so behandelt: euphorisch. Madonna trägt Kylie Minogue-T-Shirts, Robbie Williams schreibt ihr Songs, und der Underground-Altvordere Nick Cave singt zuweilen mit ihr. Ähnlich wie bei Madonna geht Kylie Minogues Aufstieg, einer vom ehemals belächelten Pieps-Stimmchen, ins Unermessliche. Und wie Madonna oder auch die Pet Shop Boys hat sie die Genre-Grenzen ad absurdum geführt. Früher, man erinnert sich an die allerorten bipolare Welt, gab es mal "Independent" und die "Charts": jene Produzentenmusik, zu der in ihren Anfängen auch Kylie Minogue gezählt wurde. "Stock, Aitken, Waterman" hießen die bösen Buben, die Hits am Fließband produzierten. "I should be so lucky" hieß der größte, den sie für Kylie schrieben. Aber eigentlich war das auch damals schon underground, schwuler underground, der auch schon die frühe Madonna verehrt hatte. Später, in den neunziger Jahren, als einige Autoren Tanzmusik theoretisierten und die Disco zur sozialen Utopie erklärten, bekamen Disco-Queens wie Madonna oder auch Kylie Minogue die höheren Feuilleton-Weihen.

Für Kylie Minogue jedenfalls ist die Bühne in der Columbiahalle definitiv zu klein: Es fehlen die Showtreppe und die Wasserfontäne, insgesamt der Raum für eine Show, die sich der großen Geste verschrieben hat: Hollywood, das Broadway-Musical, Las Vegas. Die großen Unterhaltungsgenres der Vergangenheit müssen es schon sein für Kylie: "All you can do is step back in time", singt sie. Und so lässt sie sich von ihren Tänzern, die mal in Matrosenanzügen, mal in Football-Panzern, mal in komischen Lederlappen stecken, auf Händen tragen. Mal tänzelt Kylie in weißem Smoking und Zylinder auf dem Konzertflügel, mal schwenken die Tänzerinnen Federwedel: mittendrin Kylie. Doch anders als bei Britney Spears, die sich in ihren Shows auch der großen Hollywood-Geste verschrieben hat, wird die Show bei Kylie Minogue nie zur choreografischen Leistungsschau von Tanzmaschinen. Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden, sagt das Disco-Postulat. Und so tänzelt Kylie immer ein bißchen mit - oder lässt es eben bleiben.

Kylie Minogue wirkt einfach souverän. Und am Ende macht sie das, was alle im Saal machen: Hopsen, den einen Arm in die Luft gestreckt. Als mit großem Knall Konfetti und Luftschlangen vom Himmel fallen, ist es wie beim Karneval: Ich bin wie ihr! Mit dieser schönen Lüge entlässt die Disco-Queen nach über anderthalb Stunden Gehopse und einem großartigen Konzert das Publikum in die kalte Berliner Nacht.

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