''La Bohème'' : Die Weihnachtsmacher

Mit Puccinis „La Bohème“ gibt Carl St. Clair seinen Einstand an der Komischen Oper Berlin.

Christine Lemke-Matwey

Der Neue kommt zuletzt. Alle anderen sind schon da, fangen Blumensträuße aus der Luft wie die wirklich feinen Sänger des Abends, treten selbstbewusst an die Rampe wie der „Opernchor des Jahres“ oder stecken nicht ohne gewohnheitsmäßigen Stolz gewohnheitsmäßige Buhs ein wie das Regieteam um Intendant Andreas Homoki. Nur Carl St. Clair ist nirgends zu entdecken, der Nachfolger Kirill Petrenkos im Amte eines Generalmusikdirektors an der Komischen Oper ab kommenden Herbst. Gerade überlegt man, ob der Texaner sich auf dem Weg vom Graben zur Bühne vielleicht katakombisch verirrt haben mag, oder ob die hinter ihm liegende Anstrengung gar so exorbitant war, dass er erst einmal in einen frischen Frack steigen muss – da streckt Homoki den Arm aus. Ein drahtiges Männlein mit den O-Beinchen eines Cowboys biegt um die Ecke, silberne Vokuhila-Matte, liebes Lächeln. Wirkungsvoller und bescheidener zugleich lässt sich kein Extra-Applaus einheimsen. Willkommen an der Behrenstraße!

Nun darf man die Sentimentalitäten eines solch vorgezogenen Debüts – zumal bei einem Repertoire-Rührstück wie Puccinis „Bohème“! – nicht unterschätzen. Alle tun ihr Bestes, jeder freut sich hier prinzipiell über jeden. Da können in der Emphase schon mal ein paar stilistische Feinheiten unter den Tisch gehobelt werden, einige örtliche Voraussetzungen die nötige Aufmerksamkeit einbüßen. Carl St. Clair hat in seinem bisherigen Dirigentenleben (beim Pacific Symphony Orchestra, in Boston, Stuttgart, Schleswig-Holstein und anderswo, seit 2005 als GMD in Weimar) weit mehr Konzerte geleitet als Opern. Das hört man. Das hört man in dieser Premierennacht insofern, als es ihm weit weniger um den Duft der Partitur zu tun ist, ums lyrische Aufschäumen zwischen Liebeswallen und Todessucht, Lebenshunger und Fatalismus, als vielmehr, so der Eindruck, ums orchestrale Muskelspiel als solches.

Vielleicht hat St. Clair von seinem Weimarer „Ring“ noch ein bisschen viel Wagner im Ohr; vielleicht hat ihn auch einfach die Lust gepackt – ein neues Instrument will schließlich ausprobiert sein. Dem Orchester der Komischen Oper mag dieser sämige, mahlstromartige Parforceritt gefallen, die Musiker genießen es offenkundig, nicht ganz so zuchtmeisterlich fest an die Kandare genommen zu werden wie unter Petrenko. Sehr viel mehr an ästhetischer Einsicht, an Entschlossenheit aber steckt nicht dahinter. Der Gegensatz zwischen den bettelarmen, ach so ungezügelten „freien“ Bohemiens und dem Passepartout einer saturierten Gesellschaft ist dem Amerikaner leider keinerlei ernsthafte dynamische oder klangliche Differenzierung wert.

Gewiss, im burlesken Treiben des zweiten und vierten Bildes setzt St. Clair zusätzlich den einen oder anderen Knalleffekt, im Blech, bei den Pauken, wie um den Zynismus des dramatischen Geschehens zu erhellen: Hier Kälte, Hunger, Not vor dem Glitzer-Tableau des Weihnachtsabends, dort die Unfähigkeit des Dichterliebhabers Rodolfo und seiner Freunde angesichts der schwindsüchtigen Mimi. Für eine stringente Lesart allerdings ist das zu wenig – vor allem, weil es weder die Akustik des Hauses reflektiert noch die sängerischen Möglichkeiten. Das Ganze ist von Anfang bis Ende schlicht zu laut. Dabei ist Timothy Richards ein hinreißender Rodolfo: ein Tenor mit sicheren Höhen und emphatischem Tremolo (was Geschmackssache sein kann), ein lyrisches Timbre, dessen Flamme kaum je versiegt. Einzig dass er zur Tonkreation so tief in die Knie geht und darin bisweilen an Jerry Lewis erinnert, stört ein wenig. Auch Brigitte Geller, die vögleinhaft beginnt, weiß sich rasch zu steigern, ist trotz ihres eher instrumental geführten Soprans immer dann besonders stark, wenn die fürs Leben geschwächte Mimi von überlebensgroßen Gefühlen heimgesucht wird: im Schlussduett des ersten Bildes, in der finalen Sterbeszene.

Nicht nur diese beiden freilich müssen ordentlich brüllen, um sich halbwegs verständlich zu machen (es wäre wohl überkandidelt zu meinen, genau in solchen Grenzgängen hätte St. Clairs heimliche Intention gelegen). Auch der Rest der Bohème forciert kräftig (Mirko Janiska als Marcel, Günter Papendell als außerordentlich wohltönender Schaunard, Renatus Mészár als Colline), ja selbst die bestens disponierte, unerhört prägnante, profilschöne Musette von Christiane Karg hat sich in ihrem schmachtenden Walzerlied zu mühen. Schade. Sonderlich verständlich übrigens gerät Bettina Bartz’ und Werner Hintzes neue Textfassung auf diese Weise nicht – was verschmerzbar zu sein scheint („Du spinnst wohl“, „Halt den Rand“ etc.).

Und die Regie? Andreas Homoki erzählt eine Geschichte, die sich musikalisch nicht recht beglaubigt: die der Farbkübel ausleerenden, Hintern entblößenden jungen Wilden auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft (Rodolfo hat am Ende einen „Mimi“-Roman geschrieben) – während umgekehrt die Bürgerlichen plötzlich ihre anarchische Ader entdecken, mit Torten werfen, Geschenke fleddern. Ja, ja, wir bleiben alle miteinander nicht ewig jung. Das mag sich auch Bühnenbildner Hartmut Meyer gedacht haben, als er einen riesenhaften Tannenbaum auf die leere Bühne wuchtete. Drumherum viel opernhafte Spielastik, nichts Existenzielles. Dafür schneit es, wie hübsch, des öfteren kleine Styroporkügelchen. Paris um 1830? Berlin von heute bis morgen? Unechter dürfte sich Weihnachten selbst drüben in Good Old Texas nicht anfühlen.

Wieder am 11., 15. und 25. April sowie am 4., 14. und 24. Mai.

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