Kultur : La Fenice: Ermutigende Rauchzeichen

Felix Losert

"Geht alles von vorn los?", dachten die Venezianer, als an einem warmen Juliabend dieses Jahres bedrohliche Rauchschwaden aus den Baugerüsttürmen am ehemaligen Opernhaus La Fenice aufstiegen. Doch als sich die von den aufgebrachten Venezianern gerufenen Polizisten Eintritt auf die Baustelle verschafften, trafen sie auf eine Szenerie, die niemand erwartet hätte: Eine Gruppe von Bauarbeitern, die den Tag über fleißig am Wiederaufbau des am 29. Januar 1996 abgebrannten Theaters gearbeitet hatte, nutzte das schöne Wetter, um in der Ruine ein Grillfest mit offenem Feuerchen zu feiern. Das Entsetzen der Anwohner konnten sie nicht nachvollziehen.

Dabei wäre es im Ernstfall wahrscheinlich zu einer erneuten Katastrophe gekommen, denn die Feuerwehr Venedigs muß wie zur Zeit der Fenice-Katastrophe vor viereinhalb Jahren mit Mitteln auskommen, die es ihr nicht erlauben, mehr als 13 Feuerwehrleute gleichzeitig in der Altstadt im Dienst zu halten. Gegen diesen Mißstand haben Anfang des Monats die "vigili del fuoco" vor der symbolträchtigen Baustelle demonstriert. Derweil müssen die Musikfreunde weiterhin in einem Zelt auf der Parkplatzinsel Tronchetto Platz nehmen, wenn sie Oper in Venedig erleben wollen (vom 25. 10. bis 2. 11. wird "Anacréon" von Cherubini gezeigt, Regie: Christian Gagneron, ab 24. 11. steht Herbert Wernickes Sicht auf die beiden De Falla-Opern "El Amor Brujo" und "La Vida Breve" auf dem Programm). Den traurigen Ersatz für das prunkvolle Opernhaus wollen die Venezianer, so wie es jetzt aussieht, 2003 abbauen. Da soll der Phönix endlich wiedererstanden sein.

Dass die Einweihung nicht früher stattfinden kann, liegt an dem Streit um den Auftrag, in dessen Verlauf sich das Bauunternehmen Holzmann gegen die Fiat-Tochter Impregilo durchsetzte und die Staffel übernahm. Nun müssen sämtliche Arbeiten, die bereits ausgeführt waren, wieder "rückgebaut" werden. Denn mit dem Wechsel der Baufirma wechselte auch der Plan für den Wiederaufbau - und das heißt, dass jetzt erst einmal tabula rasa gemacht werden muss, bevor der letzte Wille des Architekten Aldo Rossi, der kruz vor seinem Tod den Wiederaufbau des Fenice plante, in die Tat umgesetzt werden kann. Der Bürgermeister Venedigs, Paolo Costa, möchte jedenfalls alle Hebel in Bewegung setzten, damit die Arbeiten schneller vorangehen.

Wer nicht bis 2003 warten will und wem der virtuelle Rundgang durch die alte Fenice im Internet nicht reicht, der kann im Städtchen Feltre zwischen den Dolomiten und Valdobbiadene (wo der süffige Prosecco-DOC wächst) dem Teatro La Fenice seinen Besuch abstatten - zumindest fast: Denn nachdem der als Theater genutzte Saal im Herrscherpalast der Stadt, dem "Palazzo della ragione", vom Blitz getroffen und schwer beschädigt wurde, holte man keinen geringeren als Gian Antonio Selva, den Architekten des venezianischen Opernhauses, und ließ ihn in diesen Plazzo eine kleinere, aber nicht weniger feine Variante seines Meisterwerks bauen: das 1813 fertiggestellte "Teatro de la Sena". Diese "piccola Fenice" ist wegen Baufälligkeit seit 1927 geschlossen, doch bis Ende Oktober wurde sie vorübergehend wieder für Besichtigungen geöffnet. Für eine vollständige Sanierung des Theaters werden noch fünf Milliarden Lire, also etwa fünf Millionen Mark benötigt.

In Venedig selbst steht das "Teatro Malibran", ein wenig versteckt wie alle historischen Theater in der Lagunenstadt, in der Nähe der Rialtobrücke, in einem der Höfe hinter der Kirche des Hl. Johannes Chrysostomus. Entsprechend nannte man es bei seiner Einweihung 1678, über 100 Jahre vor der Fenice, "Teatro di San Giovanni Grisostomo". Es war im 17. und 18. Jahrhundert eines der größten und prächtigsten Theater nicht nur Venedigs, sondern ganz Europas. Seinen Namen erhielt das Teatro Malibran von einem Impresario der 1830er Jahre. Er wußte der Begeisterung nach einer Bellini-Interpretation der berühmten Sängerin Elvira Malibran nur durch eine akute Namensänderung Ausdruck zu verleihen. Wie die meisten historischen Theater mußte es zahlreiche Umbauten über sich ergehen lassen, so wurde es Ende des letzten Jahrhunderts sogar im pseudoägyptischen "Aida"-Stil umgestaltet. Jetzt endlich ist das geschichtsträchtige Haus aufwendig restauriert worden und soll mit einem Festkonzert am 26. Mai 2001 eingeweiht werden. Da nur noch kleinere Arbeiten in der Inneneinrichtung fehlen, könnte der avisierte Termin tatsächlich einmal eingehalten werden. Dann soll das Malibran als vorübergehender Spielort der Fenice dienen.

Die Venezianer und die melomani aller Welt können also beruhigt sein: Es geht in Sachen Fenice nicht alles von vorn los, sondern es geht, wenn auch ohne Hast, stetig voran.

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