"La Traviata" an der Berliner Staatsoper : Leise rieselt die Zeit

Die Traurigkeit lärmender Feste: Dieter Dorns und Daniel Barenboims neue, leider quälende „Traviata“ an der Berliner Staatsoper.

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Sprung in der Kissenschlacht. Abdellah Lasri in der Rolle des Alfredo Germont und Simone Piazzola als Giorgio Germont in "La Traviata" an der Berliner Staatsoper Foto: Staatsoper/Bernd Uhlig
Sprung in der Kissenschlacht. Abdellah Lasri in der Rolle des Alfredo Germont und Simone Piazzola als Giorgio Germont in "La...Foto: Staatsoper/Bernd Uhlig

Vorfreude, so sagt man, ist die schönste Freude. In ihr lebt Begeisterung und antizipierter Genuss in reinster Form, von keinerlei Realitätskontakt geschmälert. Insofern muss man bei der neuen „Traviata“-Inszenierung an der Staatsoper unbedingt von Vorfreude sprechen, obwohl Verdis Werk weit davon entfernt ist, eine lustige Oper zu sein. Der Umstand aber, dass Daniel Barenboim Lust dazu verspürt, nach 2003 wieder eine „Traviata“-Premiere an seinem Haus zu bestreiten, weckt gewisse Erwartungen. Und dass Dieter Dorn der Staatsoper nach 20 Jahren noch einmal die Ehre als Regisseur erweist, wirkt zumindest beruhigend auf all jene, die am Ende des Jahres sicher sein wollen vor entfesselten Regieattacken auf geliebte Opernklassiker. Dazu konnte mit Sonya Yoncheva eine junge Hauptdarstellerin verpflichtet werden, um die sich die ersten Häuser reißen.

Niemand ist hier Partner vom irgendwem, sei es auch nur für die nächsten drei Silben.

Doch ach, wie umfassend wird man bestraft für jeden noch so zarten Hoffnungskeim, den man ins Schiller Theater eingeschmuggelt hat. Nie vergingen 130 pausenlose Minuten quälender als bei dieser „Traviata“. Dabei ist das Verrinnen der Zeit ein zentrales Motiv der Oper mit ihren ständig bedrohten Atembögen. Daran lässt die Bühne auch optisch keinen Zweifel: Über einer Art gesprungenem Riesenspiegel hängt ein dunkler Sack, aus dem unaufhörlich etwas rieselt und einen kleinen hellen Berg bildet. Wie lange das Rinnen währt, ist den abschätzenden Blicken entzogen, doch schwer zu raten ist es nicht. Auch Violetta Valery weiß von Anfang an, dass sie bald sterben wird. Ihr verbleibendes Leben verbringt sie überwiegend im schwarzen Unterkleid und allein. Nur kurz gleitet sie in ihre silberne Robe, um sich den denkbar ödesten Ballvergnügen zu widmen, auf denen nie jemand tanzt. Von allem anderen ganz zu schweigen.

Die Demi-Monde, das schillernde Universum rund um die Edelprostituierten von Paris, ist auf der Staatsopernbühne ein blasser kalter Trupp bornierter Bürger mit haarsträubendem Kopfputz. Nie im Leben lässt sich nachvollziehen, warum das Dasein im Beisein solcher Langweiler irgendeinen Reiz haben sollte. Das Verkehren in diesen Kreisen kann man Violetta somit moralisch auch nicht vorwerfen, man beginnt nur an ihrem Lebenswillen zu zweifeln. Die leuchtenden Plastikkelche, die dann auf dem Höhepunkt des galanten Soupers geschwenkt werden, sagen alles über das Sinnlichkeitsniveau des Abends: Wer hätte gedacht, dass wir uns Harry Kupfers Schampussaufen aus Damenpumps je zurückwünschen würden.

Regisseur Dieter Dorn stellt sich nirgendwo ernsthaft in den Weg

Es entspringt also auch keinem plötzlichen Stimmungsumschwung einer fiebernden Kranken, wenn Violetta „die Traurigkeit lärmender Feste“ besingt. Lärmen tut es zudem auch feste – und zwar aus dem Orchestergraben. Unter Daniel Barenboims Dirigat hat die Staatskapelle das hehre Ziel eines auratischen Musizierens komplett mit erratischem Exekutieren vertauscht. Gefrorene Sinnlichkeit, mechanischer Atem, wüste Ausbrüche, vom Maestro laut den Fuß aufstampfend abgefordert. In Verdi steckt sicher auch eine gute Portion Fatalismus, auskomponierte Beziehungslosigkeit war seine Sache nicht. Das aber ist das Problem dieser Premiere: Niemand ist hier Partner vom irgendwem, sei es auch nur für die nächsten drei Silben.

Dabei hätten sich alle Beteiligten musikalisch richtig austoben können, denn Regisseur Dieter Dorn stellt sich nirgendwo ernsthaft in den Weg. Seine szenische Zurichtung entzieht dem Drama alle Polaritäten, jedes Quäntchen möglicher Freude und weiß nicht, was sie stattdessen anbieten soll. Abgesehen von einem aus Körpern gebildeten Totenkopf, der dann und wann in Violettas Spiegel sichtbar wird. Der Zuschauer bemerkt es an Sängern, denen jeglicher Halt fehlt. Und dieses Schwanken verschwindet auch nicht, wenn man die Augen fest schließt. Es steckt in jeder Faser dieser „Traviata“, die auch musikalisch kaum geprobt wirkt. Zarte Sängerseelen wie Abdellah Lasri als Alfredo kommen so vor lauter Angst nicht in die Nähe ihrer Möglichkeiten. Solider, aber auch unbeweglicher schlägt sich Simone Piazzola als Vater Germont durch seine Partie. Selten musste man derart abgeschaltete Nebenrollen erleiden, dabei rühmt sich die Staatsoper eines Ensembles – und Dieter Dorn sah sich immer als Regisseur, der seine Arbeiten von der kleinsten Rolle her aufbaut.

Es bleibt die Erkenntnis: Was Barenboim noch machen will an der Staatsoper, ist nicht automatisch gut fürs Haus.

Auf Sonya Yoncheva lastet die übermenschliche Aufgabe, dieser „Traviata“ doch noch etwas Kontur, etwas Leidenschaft zu schenken. Die 33-jährige Bulgarin, die auch schon Repertoire-Aufführungen in der alten Mussbach-Inszenierung sang, hat dafür viel zu bieten: eine wunderbare, dunkel gerahmte Stimme, die niemals schrill wird, Kraft und Durchsetzungswillen, verbunden mit natürlicher Musikalität. Von ihr darf man kein blasses, geziertes Hüsteln erwarten, immer aber sängerische Präsenz fordern. Wenn man es denn tut als Dirigent. Die kurzen vokalen Ausbrüche Yonchevas lassen sich auch als Frust darüber deuten, dass sie die ganze Zeit auf der Bühne steht ohne die dafür nötige Unterstützung. Wie wird nur die weniger energische Nadine Koutcher damit klarkommen, die am 25. und 27. Violetta singt?

Unterstützung hätte Yoncheva und dem einsamen Ensemble an diesem Abend anstelle des Chefs vielleicht besser Domingo Hindoyan geben können. Barenboims junger Assistent ist bei Repertoire-Vorstellungen durch eine überaus lebendige Sängerführung aufgefallen. Nebenbei ist er auch der Mann von Sonya Yoncheva. Es wäre eine Chance gewesen für ein mit Leben erfülltes Musiktheater. So aber bleibt die Erkenntnis: Was Barenboim noch machen will an der Staatsoper, ist nicht automatisch auch gut für das Haus. Daran wird Matthias Schulz, der designierte Nachfolger Jürgen Flimms, noch zu knabbern haben. Die Alten können mit den Schultern zucken: Ist doch alles ausverkauft. Mag sein. Aber um den hohen Preis betrogener Opern-Vorfreude!

Weitere Aufführungen am 22., 25., 27. und 31.12. (alle ausverkauft)

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