Kultur : La vie en prose

Donnerwetter: 15 Jahre „Classic Open Air“

Frederik Hanssen

Für diese Momente lohnt es sich, zu „Classic Open Air“ auf den Gendarmenmarkt zu gehen. Kaum hat Eckehard Stier den Taktstock zum Ungarischen Marsch aus Berlioz’ „Faust“-Oper gehoben, zucken Blitze, rollt mächtig der Donner heran. Was für ein Spektakel: Die Natur spielt mit, macht den Himmel über Berlin zum Klangraum, weitet die ohnehin schon bombastisch angelegte Musik ins Apokalyptische. Der Komponist wäre entzückt.

Dann betritt Klaus Hoffmann die Bühne, um seine eingedeutschten BrelChansons zu schmettern, und schon bricht – Einspruch von oben? – ein Platzregen los, eine Dusche zur unrechten Zeit, nach drei bombenheißen Wochen ausgerechnet zum Start der Berliner Freiluftkonzertsaison. Das Orchester muss abbrechen, 30 Minuten Zwangspause.

450 000 Besucher sind seit 1992 zu „Classic Open Air“ gekommen, oft genug wurden sie nass, froren im eisigen Nachthauch, wurden samt Mobiliar von einem Orkan weggefegt. Dabei hatte alles vielversprechend begonnen vor 15 Jahren: Mit einem perfekten Sommerabend und José Carreras, den die Menge so begeistert feierte, bis er am Ende zwölf Zugaben gesungen hatte. Doch was programmatisch populär startete, mit Arienabenden ganz großer Opernstars und interessant komponierten Themenabenden zu Richard Wagner oder zu „Schillers Wort im Verdis Opern“, wurde mit der Zeit immer populistischer. Mittlerweile wird die E-Musik bei „Classic Open Air“ behandelt wie beim „Klassikradio“ – als akustisches Gewürz.

Das geht weit über die viel beklagte Stilisierung telegener Opernsänger zu Popstars hinaus: Klassisch ist nach dieser Definition alles, was Erfolg hat. Also auch ein Hit der Puhdys, sobald er im orchestralen Klanggewand daherkommt. Eine „East Rock Symphony“ beschließt in diesem Jahr das Festival, mit dem Friedrichstadtpalast und dem Buena Vista Social Club präsentieren sich Klassiker des Entertainments. Ein echter „Popernabend“ auch die „Italienische Nacht“ gestern, bei der die Musicalsängerin Chiara di Bari, der Tenor Vincenzo La Scola, der Barde Angelo Branduardi und eine Crossover-Formation namens „Appassionante“ ihre Stile mixten. Um keine falschen Erwartungshaltungen beim Kunden zu wecken, sollten die Veranstalter vielleicht über eine Namenskorrektur nachdenken.

Das Eröffnungskonzert fand übrigens noch ein feuchtfröhliches Ende, dank Ute Lempers broadwaygestählter Professionalität und ihren edelmetallischen Piaf-Neudeutungen. Angenehm auch, dass bei der französischen Nacht wenigstens eine Interpretin der Sprache wirklich mächtig war.

Gendarmenmarkt, bis 10. Juli, Infos: www.classicopenair.de

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