Kultur : Labil, aber produktiv

Die Kunststadt Berlin vor der Art Week.

Claudia Wahjudi

Dieser bange Blick immer: Spieglein an der Wand, wer ist die schönste Kunststadt im Land? Und der Spiegel gibt zurück: Frau Berlin, Ihr seid die Schönste, sogar in der ganzen Welt. Seine Antwort beruhigt die Fragende jedoch keinesfalls. Braucht sie nicht eine Kunsthalle, einen Neubau an der Museumsinsel? Lauern hinter den sieben Bergen nicht Konkurrentinnen – Peking, Mumbai, Istanbul?

Es geht ums Ganze, immer. Größenwahn und Zukunftsangst prägen die arme Kunstmetropole, die so reich an Künstlern und Sammlungsschätzen ist. Wäre Berlin eine Person, man spräche von einer narzisstischen Störung. Ein wankendes Selbstbild kann produktiv sein. Wer Angst vor morgen hat, strengt sich bereits heute an. Deshalb gibt es die Berlin Art Week. Sie, die in diesem Jahr die Kunststadt Berlin vom 17. bis zum 22. September in Atem hält, soll einen Herbsttermin im Kalender der global umherschweifenden Kunstinteressenten besetzt halten, nachdem die Messe Art Forum Berlin 2011 verschied. Doch ein labiles Selbstbild macht aus kleinen Krisen sofort Katastrophen. Als Martin Klosterfelde im Sommer seine Galerie schloss, argwöhnte der Vernissagenfunk gleich das Ende einer Branche. Berlin kennt keine Zwischentöne.

Zum schwachen Selbstwertgefühl gehört, wie Psychologen sagen würden, ein starkes Größenselbst: Es braucht beständig Bestätigung. Fütter mein Ego. Die Ursachen dafür stecken meist in der Biografie. Sie kann man nicht mehr ändern. Gestalten lassen sich aber Gegenwart und Zukunft, mit einem sachlichen Blick auf Stärken und Schwächen. Letztere sind bekannt: die Verschuldung, die fehlenden Programmmittel der Kulturhäuser und eine zähe Politik, die nur langsam umsteuert zugunsten der freien Szene. Bei den Stärken dagegen tauchen meist nur die ehemals niedrigen Mieten auf. Dabei hat Berlin viel mehr Qualitäten. Allen voran die Freiheit von Kunst, Meinung, Presse und Religion. Ein offenes Terrain, das es erlaubt, israelisch-iranische Clubnächte zu veranstalten oder Homosexualität offen zu leben. Oder die Dezentralität, die auch in Moabit und Marzahn geistreiche Kunst auftauchen lässt.

Wer ständig in den Spiegel schaut, wird immer einen Pickel finden. Produktiver ist es, rauszugehen und etwas zu bewegen. Mehr Anerkennung und bessere Honorare freischaffender Kulturmacher zu fordern, wie es jetzt die Koalition der Freien Szene tut. Freiräume offen zu halten, statt sie zu verscherbeln, vorhandene Vielfalt stärken, statt von Prestigebauten zu träumen. Bezahlbare Mieten aber braucht die ganze Stadt, dann gibt es weiterhin gute Gründe, hier zu leben. Und Kunst zu machen. Claudia Wahjudi

Claudia Wahjudi, Kunstredakteurin bei „Zitty“, war mit Kurator Kasper König und Künstlerin Monica Bonvicini in der Jury der Berlin Art Week 2013.

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