Kultur : Labyrinth Hirn

Willkommen im Raumschiff: Die europäische Kunst-Biennale „Manifesta 5“ im spanischen San Sebastian setzt auf Innenwelt statt Politik

Nicola Kuhn

Tränen laufen der jungen Frau über die Wangen, als sie den Raum des Berliner Künstlers Johannes Kahrs betritt. Dessen düstere Gemälde dürften kaum zur Aufheiterung beitragen. Aber ihr unübersehbarer Kummer – vielleicht ist es auch Rührung – passt zur melancholischen Stimmung in den Ausstellungssälen des Koldo Mitxelena, die sich im Untergeschoss des Kulturzentrums von San Sebastian befinden. Beklommenheit breitet sich aus mit jedem weiteren Raum.

Das Video des Belgiers Sven Augustijnen im Entree gibt die Grundstimmung vor. Er filmte Patienten, die an zunehmendem Gedächtnisschwund leiden und sich mit Hilfe einer Logopädin mühsam zu erinnern versuchen, rettungslos nach den Enden ihres Lebens haschen. Die filigranen Arrangements der irischen Bildhauerin Cathy Wilkes, ihre rätselhaften Tableaux aus zerbrochenen Keksen, aufgerippelten Wollfäden und Glasscherben versuchen die Komplexität innerer Vorgänge wiederum räumlich abzubilden. Und die in München lebende Bulgarin Andrea Faciu verdichtet dieses Motiv im Lied eines Blinden, das sie als Jugendliche zufällig gehört hatte und nie mehr vergessen konnte. Im Video, das nur ihre Lippen zeigt, singt es die 26-Jährige nun selbst – zum Weinen schön.

Als Start für die fünfte Manifesta, die durch Europa vagabundierende Biennale zeitgenössischer Kunst, hinterlässt diese erste Ausstellungsstation einen starken Eindruck. Daniel Roth, ebenfalls ein Kartograph des Unbewussten, hat hier mit seinem Glaswaldsee einen großartigen Raum geschaffen. Auch die Gemälde des Belgiers Michael Borremans in der surrealistischen Tradition seines Landsmannes René Magritte sind eine echte Entdeckung. Im Nu ist die Sorge verflogen, hier eine ähnliche Enttäuschung erleben zu müssen wie auf der jüngsten Berlin-Biennale, zumal San Sebastian für die zeitgenössische Kunst in diesem Sommer das wichtigste Ereignis ist. Nach der deprimierenden Biennale di Venezia vom vergangenen Jahr wächst hier wieder Vertrauen in das Modell Großausstellung.

Und doch beschleicht Argwohn den Ausstellungsbesucher, denn diese Manifesta befindet sich nicht an irgendeinem Ort, sie hat sich bewusst das Zentrum des Baskenlandes gewählt. Von hier aus zieht die Eta ihre Fäden, auch wenn die bis heute mondäne Seebad-Atmosphäre der Stadt, die Belle Epoque-Gebäude entlang der halbmondförmigen Playa de la Concha das gerne vergessen machen. Von der hier gezeigten Kunst wünscht man sich deshalb eher Hinweise auf den politischen Kontext, nicht poetische Innerlichkeit. Die beiden Kuratoren Marta Kuzma und Massimiliano Gioni aber lassen sich nur punktuell vom Setting mitreißen. Die rund fünfzig geladenen Künstler, die als weitere Ausstellungsorte das ehemalige Kloster San Telmo, den von Rafael Moneo erbauten Kursaal sowie die entleerte Fischfabrik Casa Cirza bespielen, beziehen sich nur in Ausnahmefällen auf Vorgefundenes. Gioni, ansonsten künstlerischer Direktor der Trussardi Stiftung in Mailand, erklärt in seinem Katalogbeitrag kurzerhand: „Das Hirn ist ein Labyrinth, das quälender sein kann als die Welt drum herum.“

Wie die Außenwelt, die Bürger von San Sebastian, das dreimonatige Kunsthappening in ihrer Stadt ansehen, bleibt ohnehin sekundär. Die Manifesta gleicht einem Raumschiff, das alle zwei Jahre in einer anderen Stadt andockt, mit neuer künstlerischer Leitung: Den Start machte 1996 Rotterdam als Gründungsort, viel versprechend folgte Luxemburg, die Orientierung gen Osten brachte Ljubljana, zuletzt enttäuschte Frankfurt am Main. Auf diese Weise soll sich ein internationales Netzwerk junger Künstler, Kuratoren, Kritiker bilden. Dem Veranstaltungsort winkt dafür Prestigegewinn – als Stätte der Aufgeschlossenheit gegenüber zeitgenössischer Kunst, als hipper Kulturstandort. Die zwei Millionen Euro – rund die Hälfte steuerte die Regionalregierung bei – sind in San Sebastian in diesem Sommer also gut investiert, womöglich weit effektiver als beim bombastischen Kulturforum in Barcelona. Diese Überlegungen dürften auch die Stadtoberen Nikosias bewegt haben, sich als nächster Austragungsort zu bewerben. In zwei Jahren wird dort das Raumschiff Manifesta wieder Bodenkontakt aufnehmen. Das Kuratorenduo, das dann hoffentlich nicht nur Bodenkontakt, sondern auch Verbindung mit den Bewohnern aufnimmt, gilt es noch zu bestimmen.

Denn auch die Manifesta 5 hat ihre überzeugendsten Beiträge dort, wo sie sich auf die Stadt einlässt. Höhepunkt der Schau ist zweifellos die Installation des Belgiers Jan de Cock in der ehemaligen Bootswerft Ondartxo unweit der Hafenstadt Pasaia, einem fünf Kilometer entfernten Industrievorort. Ein Bustransfer führt raus aus dem schicken Seebad, um den Monte Ulia herum, dorthin, woher San Sebastians Wohlstand eigentlich stammt. Gesprayte Politparolen mehren sich mit jedem Kilometer. Trotzdem wirken die in den Himmel ragenden rostigen Stahlträger auf den Brachen mindestens ebenso pittoresk wie die Skulpturen Eduardo Chillidas, der unweit sein Atelier besaß. Hier hat das Rauhe seinen Ursprung; Ausstellungsorte wie die Casa Cirza und die Bootswerft Ondartxo stehen zugleich für die mühsamen Versuche der Kommune, verlassenen Gewerberäumen neues Leben einzuhauchen.

De Cock thematisiert mit seiner Installation „Denkmal 2“ genau diesen Schwebezustand. Er hat aus grün laminierten MDF-Platten ein strukturelles Gehäuse in die ehemalige Bootswerft gebaut, das sich vom Keller, wo noch alte Planzeichnungen an den Wänden hängen, bis zur Dachterrasse mit Palme zieht. Das Haus im Haus gibt immer wieder Blicke nach draußen frei: auf die grüne Bucht, ein vor sich hinrostendes Schiff. Kunst markiert den Übergang, denn – wenn alles gut geht – soll hier im Anschluss eine Werft für historische Holzboote entstehen.

Den magischen Punkt des Dazwischen trifft auch der Brite Jeremy Deller, der in diesem Jahr für den Turner-Preis nominiert ist. Er organisierte am Eröffnungswochenende eine Demonstration all jener Gruppen in der Stadt, die sich gerade nicht politisch definieren und deshalb kaum in Erscheinung treten. Von seinem Umzug, an dem sich Kickboxer, Tango- und Flamencotänzer, Taubstumme, Emigrantenkinder, Fechter und Wellenreiter beteiligten, dazu ein Schäfer, ging eine geradezu beglückende Heiterkeit aus. Eine Stunde lang zog sich diese musizierende, tanzende, turnende Parade vom Rathaus bis zum Kursaal durch die Stadt und legte den Verkehr lahm, wie es sonst die tagtäglichen Mini-Demonstrationen der Eta-Sympathisanten tun.

Einkehr, Kurzweil, Aufklärung will die Manifesta bieten. Ja, sogar Trost spenden, dem, der zu lesen versteht, zumindest die Morsezeichen kennt. So lässt der Münchner Leopold Kessler die vom Monte Ugull aus alles überragende Heiligenstatue Sagrado Corazón des Nachts die Worte blinken „Keine Angst“.

Vor acht Jahren wurde die Manifesta als europäische Biennale zeitgenössischer Kunst in

Rotterdam aus der Taufe gehoben. Nach weiteren Stationen in Luxemburg , Ljubljana , Frankfurt/Main ist sie nun bis 30.September in San Sebastian mit rund fünfzig Künstlern zu Gast. 2006 wird die „Wander-Ausstellung“ mit wechselnden Kuratoren in Nikosia sein. (www.manifesta.es)

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