Kultur : Ladies Neid

In der Berliner Staatsoper Unter den Linden liefern sich die Stars Vladimir Malakhov und Oliver Matz in John Crankos „Onegin“-Choreografie ein Tanzduell

Sandra Luzina

Wenn Oliver Matz und Vladimir Malakhov zum Duell antreten – wie am Sonntag bei der Premiere des Cranko-Klassikers „Onegin“ an der Berliner Staatsoper – dann verleiht das dem Ballettabend einen zusätzlichen Thrill. Denn hier fordern sich zwei Stars heraus, hier treten zwei männliche Diven gegeneinander an. Da können die Ladies noch so neidisch sein: Die Herren sind einfach glamouröser! In Zeiten von „Popstars – das Duell“ gilt auch auf der Ballettbühne die Highlander-Doktrin: Es kann nur einen geben!

Die männliche Konkurrenz belebt einen Abend, der ansonsten doch recht betulich daherkommt. Schon in der ersten Pause hörte man nicht mehr ganz junge Damen bei Schnittchen und Pralinés darüber disputieren, wer die schöneren Proportionen und wer die männlichere Ausstrahlung hat. Sie kann ja so brutal sein, diese Ballettwelt! Doch zur Beruhigung sei gesagt: Am Ende gaben innere Werte den Ausschlag.

Eine komplizierte Schlussapplaus-Dramaturgie schien ebenfalls darauf abgestellt, den Sieger des Abends zu ermitteln. Als Erster trat Oliver Matz allein vor den Vorhang. Dem gebürtigen Rostocker, der seit 1980 dem Ballett der Staatsoper angehört und der hier lange Jahre unangefochten die Nummer eins war, fliegen immer noch die Sympathien des Berliner Publikums zu. Klar, dass sich auch Malakhov dann ohne Partnerin dem Jubel stellte. Und es war nur gerecht, dass es auf beide Blumensträuße regnete.

Matz und Malakhov: Ein bißchen ist es so, als ob hier alte Zeit und neue Zeitrechnung aufeinander prallen. Obwohl Matz nach der Wende auch auf internationalem Parkett reüssierte, ist er doch der Hausfreund geblieben. Ballettchef Malakhov dagegen ist der Hausherr und ein echter Weltstar. Doch die beiden verkörpern auch ganz unterschiedliche Tänzertypen: Malakhov ist der blond geföhnte Ephebe, Matz der schwarz gelockte Athlet. Und eins stellt Malakhov gleich klar: Er ist unerreicht in seinen phänomenalen Sprüngen. Matz tut sich zunächst schwer, zu seiner Form zu finden, von seiner kraftvollen Eleganz ist wenig zu spüren. Den russischen Dandy in seinem grenzenlosen Hochmut und Ennui gibt er mehr steifbeinig als schnittig. Erst in der Traumszene – die Locken nach Puschkin-Vorbild frisiert – tut er als Verführer mit Lord-Byron-Hemd gute Dienste.

Beide, Matz und Malakhov, haben als Onegin wie als Lenski bereits Erfolge gefeiert. So war diese Ballettpremiere ein Rückgriff auf Bewährtes. Die Qualitäten des Balletts, das Cranko aus dem Roman destillierte, liegen ja auf der Hand: es ist dramaturgisch raffiniert, choreografisch komplex und besitzt differenzierte Charaktere. Aus verschiedenen Werken Tschaikowskis zusammengestellt, ist es auch musikalisch ernst zu nehmen – das belegte nachdrücklich auch die Staatskapelle unter der Leitung von Vello Pähn.

Ein Quartett der Leidenschaften, das in der Ausstattung von Elisabeth Dalton allerdings so bieder wie altbacken daherkommt. Pappkulissen, gemalte Draperien und eine Farbpalette zwischen Altenglisch und Altjüngerlich – dass in diesem Muff starke Gefühle gedeihen sollen, ist schwer vorstellbar. Zwei ungleiche Schwestern stellt Cranko gegenüber: die liebliche Olga und die scheu-verträumte Tatjana, eine Büchernärrin. Nadja Saidakova glaubt man sofort, dass sie für den neuen Harry Potter jeden Kavalier links liegen lässt.

Zwei ungleiche Paare: Das erste Liebesglück von Olga und Lenski verkörpern Vladimir Malakhov und Corinne Verdeil mit spielerischer Anmut. Ganz anders grundiert ist der erste Pas de deux von Tatjana und Onegin. Hier schwingt von Anfang an die Gefährdung mit, auf jeden Höhenflug folgt ein jäher Absturz. Mitten im Tanz lässt Onegin die düpierte Tatjana einfach stehen.

Den Ballszenen und Folkloretänzen – etwa der Polonaise der Tattergreise – fehlt der letzte Glanz, obwohl sich das Ballettensemble verjüngt und gut gelaunt präsentierte. Nadja Saidakova hat sich die Rolle der Tatjana geradezu demütig angeeignet. Mit schöner Ernsthaftigkeit und beseelter Anmut macht sie den Reifungsprozess glaubhaft. Vor allem der letzte Pas de deux ist packend in seinem verzweifelten Widerstreit der Gefühle. Immer wieder schüttelt Tatjana Onegins Umklammerung ab, um im nächsten Moment dahinzuschmelzen. Schwerzen Herzens weist sie ihn am Ende ab – der Verzicht einer wahrhaft Liebenden. Dieses Finale wird zum Triumph für Nadja Saidakova. Und Oliver Matz gelingt eine letzte eindrucksvolle Verwandlung.

Und das Duell Matz gegen Malakhov? Schon die Tatsache, dass hier zwei Tänzer sich so ernsthaft Konkurrenz machen, dass jeder den Schiedsrichter-Blick aufsetzt, darf man als Beleg dafür werten, dass es mit dem Ballett in Berlin wieder aufwärts geht. Doch am Ende zeigte sich: Die Ballettbühne hat Platz für zwei männliche Diven.

Wieder am 12., 14., 22., 27. sowie 29. 11.

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