Lady Gaga gibt Konzert in Berlin : Venus im Neonregenmantel

Tänze, Tricks und Tränen: Lady Gaga beglückt ihre Fans in der Arena am Berliner Ostbahnhof mit einem knallbunten Modeschau-Spektakel.

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Lady Gaga während ihrer Artpop-Show.
Lady Gaga während ihrer Artpop-Show.Foto: Barry Brecheisen/WireImage

Oh my fucking god. Lady fucking Gaga! Endlich, die kaputte Hüfte, wegen der sie die letztjährige Tour vorzeitig abbrechen musste, ist wieder in Ordnung, und „ArtRave: The Artpop Ball“ kann stattfinden. In der O2 World, wo sonst, denn 17 000 „little monsters“ brauchen Platz, zum Tanzen, Wedeln, Kreischen, Glitzerfummel schütteln, Eltern umarmen... Moment mal: Doch, einige Fans sind so jung, dass sie mit Mama gekommen sind, einer netten Mama zumeist, die das „Lady fucking Gaga“-T-Shirt ihres grünhaarigen Sohnes okay findet, und die begeistert von der ersten Minute an mitwippt. In der haut Gaga gleich mit „ArtPop“ rein, dem Titelsong ihres dritten Albums, sie marschiert auf die Bühne im Paillettenbody mit einer glänzenden blauen Kugel vor dem Bauch, und noch bevor sie die fucking hands in die Höhe ruft, stehen schon alle und jubeln. Und haben die Widrigkeiten vom Start, das Warten, das Weghören beim lahmen Schlagertrash-Support Breedlove, danach das zu lange Techno-Set von Gagas alter Freundin Lady Starlight großzügig vergessen.

Lady Gaga, das wird beim Konzert deutlich, scheint tatsächlich dieses merkwürdige Band zwischen sich und den Fans geknüpft zu haben, das zwar alle Popstars unserer Zeit behaupten, das man aber selten so deutlich sieht: Hie wird gekrischen, da wird geravt, die eine weint vor Glück, der andere küsst seinen Freund, und auf der Bühne haben die Tänzer und Tänzerinnen sich in fancy bunte Cutout-Catsuits und mesopotamische Mützen geschmissen, in denen sie den langen Steg bis zum Klavierpodest entlangwirbeln und sich bewegen wie beim Frühlingsopfer. Und ganz ehrlich: Selbst wenn man, was ja durchaus sein kann, Gagas musikalischem Œuvre, dem harmlos-tanzbaren Clubsound, der mit großem Pathos vorgetragen wird, nicht ganz so viel abgewinnen kann - als irre Modenshow geht das Spektakel schon in Ordnung.

Lady Gaga im Wechselbad der Gefühle

Jetzt blühen auch plötzlich große aufblasbare Fantasieblumen, und verwandeln die Bühne in eine Mischung aus „The Wizard of Oz“ und „Peewees Playhouse“, und Gaga kreischt mal wieder, sie hat, wenn sie richtig losröhrt, etwas von Nina Hagen, auch in der Eyelinertechnik. Gaga redet viel mit ihren Fans, die 28-jährige New Yorkerin wird nie müde, ihnen zu danken, die Worte „creativity“, „together“ und „inspiring“ fallen - Gaga beschwört das Wir.

Dann begleitet sie sich am Klavier beim balladigen „Dope“, erzählt, dass es dabei um sie selbst ginge, „I need me more than dope“ singt sie, und „Stefani, please stay“, so heißt sie nämlich eigentlich. Derart ergriffen ist sie von ihren Erinnerungen, dass Tränchen kullern, das sieht man deutlich auf den Großleinwänden. Aber Gaga wendet die kollektive Ergriffenheit wieder in Tanzwut, das ist nämlich ihr Trick: Das Wechselband der Gefühle, mal liebt man stark, mal tanzt man stark, und für alles hat sie einfache, aber effektive Rhythmen, Zeilen, Zeichen und Symbole gefunden.

Die Klaue, die sie sich neulich auf den Rücken hat tätowieren lassen beispielsweise, für ihre „Monsters“, oder das „V“ das alle bei „Venus“ mit den Armen formen. Und der Agitpop funktioniert, zwar sitzen im Publikum auch viele im Takt nickende Menschen, bei denen man das Monstertum so gar nicht vermutet hatte, Frauen mit flotten Kurzhaarfrisuren und blonden Strähnchen, Männer mit dünnrandigen Brillen und angehender Pläte, die würden sich auch bei „Hinterm Horizont“ gut einfügen. Aber das bedeutet ja nur, dass Gaga mit ihrer Botschaft, dem Werben für Toleranz gegenüber der queeren Community, für LGBT-Rechte, in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Oder zumindest die Mitte der Gesellschaft entweder toleranter ist als man befürchtete, oder sich einen Dreck um Texte und Geqautsche schert, so lange es nur kräftig spektakelt.

Eine Premiere: Lady Gaga singt "Bang Bang" in einer Jazzversion

Gaga bzw. ihr Kostümbildner hat inzwischen 17 Marsupilamis zu einem unglaublichen Ballkleid verknotet, es um ihren Körper herumdrapiert, und kommt auf die Bühne stolziert, um darin „Paparazzi“ zu singen. Und dann gibt es tatsächlich eine Premiere: Das erste Mal auf der Tour interpretiert Gaga „Bang Bang“ in einer Jazzversion, und widmet es ihrem neuen Duettpartner Tony Bennett, mit dem sie gerade ein Jazz-Standard-Album aufgenommen hat. Mit Lockenperücke und in roter Jacke über dem String setzt sie sich hernach hin und liest einen Fanbrief vor, der auf die Bühne geworfen wurde, und in dem jemand vom Verlust seiner Mutter und dem Trost erzählt, den Gaga ihm gab. In den Hälsen wachsen Klöße, und Gaga meistert auch diese Emo-Klippe mit dem entwaffnenden Hinweis darauf, dass sie jetzt „so ein blödes Sexlied singen muss“, und wechselt noch mal die Klamotte, erst Leder, später, nach einem ein bisschen am Show-Image kratzenden Umziehen auf der Bühne, eine unglaubliche, aus neonfarbener Regenkleidung bestehende Manga-Uniform.

Das Publikum ist zufrieden, Gaga, das Versace-Testimonial, das Massenphänomen,  sowieso. Ihre Monsters haben sie nicht im Stich gelassen. Wer Glück hat, trägt eine der Devotionalien mit nach Haus, die Gagas Tänzer währen der Show ohne Unterlass in die Halle schleuderten, ein gepunktetes Furby-Stofftier, einen leuchtenden Gummiball, einen Regenbogen-Stick. Allemal besser als olle Kamellen.

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