Kultur : Lady Macbeth trägt jetzt blond Olga Flors Roman

„Die Königin ist tot“.

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Die 54. Folge von „Columbo“ heißt „Schleichendes Gift“. Ein Zahnarzt versucht sich am perfekten Verbrechen und implantiert dem Liebhaber seiner Frau unter die Zahnkrone ein Gift mit verzögerter, doch letaler Wirkung. „Uneasy lies the Crown“ heißt die Folge im Original, und dieser Titel würde auch trefflich zu Olga Flors neuem, vierten Roman „Die Königin ist tot“ passen. Zwar stellt die selbsternannte Königin Lilly nach dem Mord an ihrem Ex-Mann Duncan befriedigt fest, alle Details seien „wunderbar ausgetüftelt, Zahn in Zahn gegriffen wie bestellt“. Dennoch liegt ihr die Krone unbehaglich auf dem Kopf, den Geruch frischen Blutes kann sie nicht verdrängen.

Lilly trägt als moderne Lady Macbeth jetzt lange „präraffaelitisch gewellte rotblonde Locken“. Sie kommt nicht direkt aus Shakespeares Schottland, aber immerhin aus Europa. Der alte, sanfte Kontinent hat sich samt humanistischer Ideale im Zuge der Finanzkrise überlebt, am Romanschauplatz USA streifen die Armen in marodierenden Horden um die Wohn- und Geschäftstürme. China zieht als lachender Dritter Gewinn aus der „europäischen Demokratiekonkursmasse“, wie Olga Flor ihre Heldin verkünden lässt.

Aber was darf man dieser Lilly, ehedem Liftgirl in einem der markantesten Hochhäuser Chicagos, überhaupt glauben? Das lässt sich nicht entscheiden, denn Olga Flor, eine technisch versierte Erzählerin, überantwortet ihre Leser völlig der Ich-Perspektive einer krankhaft ehrgeizigen Zahlenneurotikerin. Der Aufzug im Lake Point Tower von Chicago hält ab dem 46. Stockwerk nicht mehr, sobald er auf den 68. Stock eingestellt ist, die Chefetage. Das lässt Duncan, ergrauter Chef eines Medienimperiums, seine junge Angestellte wissen, die ihm daraufhin einen „Blowjob“ angedeihen lässt. Zielgerichtet befördert sie sich mit dieser Dienstleistung nach oben. Sie stellt sich emotionslos im kapitalistischen Warenkreislauf als Sexualobjekt zur Verfügung und gebiert dem alten Tycoon zwei Söhne, mit denen sie sich gelegentlich im Ferienhaus aufhalten darf – dem einzigen autarken Gegenort zum Hochhaus in Chicago mit Blick auf ein falsches Meer, den Michigansee.

Lilly kann ihre „Fernsichtbadewanne“ aber nicht lange genießen, denn Duncan tauscht sie gegen eine noch jüngere Fernsehjournalistin aus. Quasi als Entschädigung reicht er sie an seinen Stellvertreter Alexander weiter. Damit hat Duncan, Urahn schottischer Einwanderer, sein eigenes Todesurteil gesprochen, denn Alexander und Lilly gebärden sich als Neuauflage des mörderischen Königspaars Macbeth.

„Das Töten des dem eigenen Überleben Entgegenstehenden ist die natürlichste Sache der Welt“, hatte Olga Flor bereits in ihrem letzten Buch „Kollateralschaden“ (2008) einer rechtspopulistischen Politikerin in den Mund gelegt. Dieser Roman spielte in einem Supermarkt und war nach Minuten getaktet. „Die Königin ist tot“ wird jetzt von einer vertikalen Schichtung bestimmt. Das mutet hochartifiziell an, ist aber die entscheidende Voraussetzung für Olga Flors blühenden Sarkasmus, für ihre kühnen, ins Technische tendierenden Sprachbilder. Auch die „Lustangst“, von der sie spricht, findet sich wieder. Das Problem besteht allerdings darin, dass Lilly sich und ihre Hirngespinste permanent selbst beobachtet und beurteilt: „Einkapseln muss man sich in der Lüge.“ Durch diese fortwährende Selbstinterpretation bleibt nur wenig Spielraum für Leserfantasie. Allzu deutlich sind zudem Referenzen an Elfriede Jelineks „Quelltext“-Suche und ihre masochistischen Schlussfolgerungen eines weiblichen Ichs: „Nur hinter unmittelbarer Gegenwart kann ich die Tatsache verstecken, dass in mir niemand mehr drin ist außer mir, und das ist nicht viel.“ Auch sonst haben die „bestangezogene Staatsfeindin Österreichs“ (E.J. über E.J.) und die 1968 in Wien geborene Physikerin Olga Flor, die heute in Graz lebt, viel gemein, vor allem die musikalische Virtuosität der Sprache und den eisgekühlten Zugriff auf alles Lebendige. Aber bei Olga Flors Lilly ist und bleibt die Küche eben von Anfang an kalt, genau wie die aufblitzende Klinge, mit der Duncan erledigt wird. Katrin Hillgruber











Olga Flor:

Die Königin ist tot.

Roman. Zsolnay

Verlag, Wien 2012. 240 Seiten, 18,90 €

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