Kultur : Lächeln umspielt die Lippen

ARTUR BRAUNER

Das Bild der Bathseba im Bade, das Sebastiano Ricci (1659-1734) um 1725 geschaffen hat, macht einen besonders starken Eindruck auf mich.Als erstes zieht mich die atmosphärische Stimmung an.Die dem Vorbild italienischer Renaissance-Villen nachempfundene "Architekturkulisse" strahlt eine heitere Gelassenheit aus.Dazu trägt auch die ausgewogene Aufteilung des Gemäldes durch zwei senkrechte und drei waagerechte Bildhälften bei.Sie verbreitet den Eindruck von Harmonie und Ruhe.Zugleich baut der Künstler durch die Bewegtheit der einzelnen Figuren, die untereinander auf subtile Weise kompositorisch zueinander in Bezug gesetzt sind, ein lebendiges Spannungsfeld auf.Das macht den Betrachter neugierig auf die Geschichte, die hier erzählt werden soll.

So wird mein Blick sehr zügig auf Bathseba gelenkt.Sie beherrscht mit ihrer graziösen Sitzhaltung das Zentrum des Bildes.Alles dreht sich um sie: die ihr zugewandten und auf sie konzentrierten Bediensteten reichen ihr duftende Rosen, ein trocknendes Seidentuch, kostbares Geschmeide und einen Spiegel dar.Sie ist die Gattin von Uria, einem Söldner im Heer König Davids, und hat offensichtlich gerade ihr Bad beendet, um sich ankleiden zu lassen.Aber nur der Bildtitel und die im Hintergrund beiläufig gezeigte Überbringerin eines Briefes, deuten auf die alttestamentarische Geschichte König Davids; er erblickte Bathseba beim Bade, verliebte sich in sie, verführte sie und schickte ihren Gatten mittels eines Briefes in die Schlacht, um nach dessen Tod die bereits schwangere Geliebte zu heiraten.Doch Ricci, Begründer der venezianischen Rokokomalerei, hat offensichtlich weder die sonst übliche moralische Wertung der Begebenheit noch die Darstellung des ersten Zusammentreffens interessiert.

Er ist ganz der Freizügigkeit und Lebenslust verpflichtet, den Idealen des genußbetonten Rokoko.So stellt er die anmutige Schönheit und reine Natürlichkeit Bathsebas in den Mittelpunkt seines Werkes.Aber auch er scheint mir eine Geschichte zu erzählen.Zunächst mag die zart abgestufte leuchtende Farbigkeit der Haut und des goldglänzenden Haares, das Auge zu fesseln.Dann wird die Aufmerksamkeit sogleich auf den fein herausgearbeiteten Gesichtsausdruck der zukünftigen Königsgattin gelenkt.

Ein zartes Lächeln liegt geheimnisvoll auf ihren Lippen.Ihr Blick verliert sich wie in Erinnerungen schwelgend sanft in der Ferne, während ihre Hände zart ihren Körper liebkosen.Sie hat die Welt um sich vergessen, ist völlig versunken im Nachempfinden vergangener und kommender Sinnenfreuden.Sie ruht auf dem Blau des Adels, eingerahmt vom Rot der Liebe, dem Gold der wärmenden Sonne und dem Weiß der Unschuld.Bathseba ist nur noch hoffnungsvolle Erwartung und wirkt als Verkörperung der reinen Liebe, die keine Schuld kennt.Kein Geschmeide und keine schmückende Äußerlichkeit haben in dieser Innerlichkeit mehr Platz.Kein schmerzlicher Gedanke an den Ehemann verdunkelt ihr Antlitz.Die große, tragische Geschichte von David und Bathseba wird so zu einer ganz individuellen, sehr intimen "Lovestory".An der darf sich der Betrachter umso mehr erfreuen, als sie ohne erhobenen Zeigefinger in einer zart sinnlichen, elegant virtuosen Malweise inszeniert wird.Für mich ein wahres Meisterwerk, das Sebastiano Ricci nicht nur als den bekannten großen Maler bestätigt, sondern auch als einen versierten "Regisseur" großer Gefühle auszeichnet.

Der Autor ist Filmproduzent in Berlin.

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