Kultur : Lärmrausch und Seelenheil

Intensiv: Elvis Costello im Berliner Tempodrom.

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„Nächstes Mal spielen wir in einem Schuhkarton“ – Elvis Costello nimmt es mit Humor, dass es mit dem Vorverkauf nicht so gut gelaufen ist. Vor zwei Jahren hatte er solo das Berliner Tempodrom gefüllt, deshalb lag es nahe, für seine Tour mit den Imposters wieder dieselbe Location zu buchen. Da sich die vielleicht 300 Zuschauer im weiten Rund etwas jämmerlich ausmachen würden, ist man auf die Nebenbühne ausgewichen, wo sonst eher Kleinkunstveranstaltungen laufen. Der Grund für den Zuschauerschwund ist aber nicht etwa in einem plötzlichen Popularitätseinbruch zu suchen. Sondern in der Tatsache, dass die Ticketpreise jenseits von Gut und Böse lagen. Und dass zudem ein paar Kilometer weiter ein Konzert des großen Leonard Cohen stattfindet (siehe Artikel auf dieser Seite). Auch dazu hat der 58-Jährige ein Sprüchlein parat: „Cohen spielt in der Stadt? Was zum Teufel tun wir dann hier? Lasst uns abhauen.“

Aber es gibt durchaus Gründe, genau hier mit einem verschworenen Häuflein von Fans dem energischen Vortrag des Mannes mit der Buddy-Holly-Brille und dem wie festgetackert wirkenden Hütchen zu lauschen. Mit bebend intensivem Gesang und überraschend aggressivem Gitarrenspiel stürzt er sich in seine Songs. Vor allem die älteren Stücke legen die schwarzen Wurzeln des britischen New Wave frei. Soul, Reggae und Rhythm & Blues spielen bei Elvis Costello eine so wichtige Rolle wie sonst nur bei Paul Weller. So federn der famose Bassist Davey Faragher und der hünenhafte Drummer Pete Thomas im lässigen Offbeat durch Klassiker wie „Watching The Detectives“, während Steve Nieve mit perlendem Piano melodische Schnörkel streut. Costello parliert sich in Rampensaulaune und scharwenzelt zu „She“ flirtend und neckend durch die Reihen.

Es gibt einen heiklen Moment während des zweistündigen Auftritts, ausgerechnet beim schönstem Stück: Die Anti-Falklandkrieg-Ballade „Shipbuilding“ erstrahlte 1983 auf Platte durch ein herzzerreißendes Trompetensolo von Chet Baker, und als Endzwanziger sang Costello wie ein junger Gott. An diesem Abend klingt es schauderhaft, denn der Sänger trifft kaum einen Ton. Doch er macht es wett mit seiner anderen großen Ballade, „I Want You“. Das dramatische Lamento über das Nichtloslassenkönnen beginnt leidend, jammernd fast, und steigert sich in einen kathartischen Lärmrausch, bei dem man nicht nur um Costellos Seelenheil fürchtet, sondern auch um seine Finger, so rabiat rupft er kreischende Akkorde aus der Elektrischen.

Die Zugabe wird zur Best-Of-Pause mit gedrückter Vorlauftaste. Große Party, alles hüpft, am Schluss noch ein nachdenklicher Ton mit „(What’s So Funny About) Peace, Love & Understanding“. Ja, was eigentlich?Jörg Wunder

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