Kultur : Lärmtürme

Krautig: Agitation Free im Berliner Postbahnhof.

H. P. Daniels

„Ding-Dong“, Lautsprecherdurchsage auf einem Flughafen. Doch sind wir im Berliner Postbahnhof zwischen einer lustigen Ansammlung von Alt-Freaks, ergrauten Langhaarigen, Kiffern, ehemaligen Kraut- Rauchern und ein paar jüngeren Kraut- Rock-Fans. Startendes Flugzeug, Gesprächsfetzen aus den Boxen: „You play for us today?“ Rauschen, Zischen, Huschen, Schattenrisse auf der Bühne: Agitation Free. Ja, sie spielen für uns heute, fast vierzig Jahre nach ihrer Auflösung im Jahr 1974. Damals waren sie junge Wilde mit kühnen Ideen und zwei bahnbrechenden Alben: „Malesch“ (1972) und „2nd“ (1973). Mit Experimenten zwischen Rock und Elektronik, Gitarren und Synthesizern, ausufernden Improvisationen, Psychedelia und fernöstlichen Einflüssen.

Im letzten Jahr erschien „Shibuya Nights“, der Mitschnitt eines Konzertes, das sie 2007 in Tokio gaben. Heute spielen sie dieselben Songs in derselben Reihenfolge. Langsam bauen sie ihren Sound auf, ziehen eine immer dichtere Wand hoch, aus Klang ohne Gesang, mit mächtigem Georgel, Geräuschen, E-Gitarren und einer massiven Rhythmusgruppe aus Bass, Schlagzeug und Laptop. Arabische Klänge, elektronisches Pochen, Rauschen, Schienenschlagen. Aufgetürmtes Lärmen aus dem Laptop von Michael Hoenig. Filziges Klöppeln, scharfes Zischen der Becken von Burghard Rausch. Wobei ihn manchmal ein zweites Schlagzeug aus dem Computer überdröhnt. Vorne rackern die beiden jungenhaft aussehenden Gitarristen. Lutz „Lüül“ Ulbrich, von dem man als Banjospieler der 17 Hippies und als Akustikgitarrist seiner eigenen Band inzwischen andere Töne gewohnt ist, traktiert seine E-Gitarre, dass es quietscht und kreischt. Tritt das Volumenpedal auf Vollgas, zerrt vibrierende Töne, um dann wieder ganz leise zu plingeln.

„Interstellar Overdrive“ von Pink Floyd zum Schluss und alle sind glücklich. H. P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben