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Laibach : Völker, hört die Fanale!

07.12.2006 00:00 UhrVon Markus Hesselmann

Wie die Band Laibach auf ihrer neuen CD das „Lied der Deutschen“ und andere Nationalhymnen unterwandert.

Muss man sich solche Frechheiten von kleinen europäischen Nachbarn gefallen lassen? Auf ihrem neuen Album „Volk“ vergreift sich die slowenische Band Laibach am „Lied der Deutschen“. „Geht nach Hause, pflanzt euren Baum“, fordern die Slowenen, „kein Sieg, keine Niederlage, keine Scham und kein Vaterland mehr, nur Einigkeit, Recht und Freiheit für alle.“ Klingt wie bundesrepublikanischer Verfassungspatriotismus oder der entspannte Patriotismus, der in Deutschland seit der Fußball-WM grassiert. Im Hintergrund aber säuselt es „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ (von der Etsch bis an den Belt und so weiter). „Germania“ ist eins von 14 Stücken, in denen Nationalhymnen bearbeitet werden nach dem Motto: Wir beleidigen große Nachbarvölker.

Neben den Deutschen kriegen zum Beispiel die Engländer, die Franzosen, die Russen ihr Fett weg – und dazu unser aller großer Bruder, die Amerikaner. „Wir haben uns von den bekannten Nationalhymnen inspirieren lassen und daraus neue Songs kreiert“, sagt die Band, die im Interview gern als Kollektiv antwortet. „Für uns sind Hymnen große Popsongs, und große Popsongs sind große Hymnen.“

Damit beschreiten Laibach, bislang wahlweise als Industrial-, Gothic-, Heavymetal-, Elektro- oder Technoprojekt klassifiziert, musikalisch und ideologisch neues Terrain. „Mit ,Volk‘ verpassen wir dem Laibach-Programm ein Update“, sagen die vier Slowenen. Von „Opus Dei“, dem Meisterwerk aus dem Jahr 1987, bis zum ausgelaugten „WAT (We are Time)“ von 2003 haben Laibach eigentlich immer dasselbe gemacht. Mithilfe faschistischer und kommunistischer Ästhetik arbeiten sie totalitäre Elemente der globalen Entertainmentindustrie heraus. Fun ist bei Laibach wirklich noch Stahlbad. Ihr Dauergegner sind Rock, Pop, Hollywood, die anglo-amerikanische Unterhaltungskultur, die Individualität verspricht und Uniformität bewirkt. Laibachs Dialektik lebt davon, einen Song wie „Geburt einer Nation“ – ihre Version von Queens „One Vision“ – als Zuhörer erst einmal genießen zu dürfen, um ihn dann verstehen zu müssen. Chöre und Streicher, fette Akkorde, ein treibender Beat – das alles berauscht, doch schon bald irritieren Stimme und Text. Die politisch-agitatorischen Versatzstücke im Laibach-Universum spielen mit der Verführbarkeit.

Wehe, wenn dieses Instrumentarium in falsche Hände gerät, warnt die kehlig- knarzende Stimme des Sängers Milan Fras. Oder ist es schon in falschen Händen? Mit Streichern und Chören verfremden und denunzieren Laibach Pop- und Rock-Originale. Die deutsche Sprache hat Laibach dabei immer geholfen: „One flesh, one bone, one true religion, one race, one hope, one real decision“ heißt es im Queen-Original. In Laibachs Version (auf „Opus Dei“) hört sich das dann so an: „Ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube, eine Rasse und ein Traum, ein starker Wille.“ Wer eben noch die satten Akkorde und schmissigen Rhythmen des Bombast-Intros genossen hat, gerät spätestens jetzt ins Grübeln.

Das ästhetische Prinzip funktioniert auf „Volk“ immer noch. Man kann sich hinsetzen und diese CD einfach anhören und genießen. Tatsächlich bietet sie bei jedem Durchlauf mehr Hörvergnügen mit ihren feingezwirbelten Klängen und ausgeklügelten Soundeffekten, mit romantisch-süßen Pianomelodien und Ambientgezirpe, aber auch mit satten digitalen Soundwällen. Es fehlt das Links-Zwo-Drei-Vier, das oberflächlich Totalitäre. „Der Gesang klingt doch fast wie Leonard Cohen“, sagen Laibach. Das heißt nicht, dass die Laibachsche „Befragungsmaschine“, wie der britische Kulturwissenschaftler Alexei Monroe ihre Kunsttechnik nennt, damit abgestellt wäre. Die Dinge sind nur komplizierter geworden. „Volk und Nation lieferten einst die konzeptionelle Basis für imperialistische Politik“, sagen Laibach im Interview. „Aber die Zeiten haben sich geändert. Der moderne Imperialismus der Konzerne, der sich von seinem Kern in den industrialisierten Ländern zur weniger entwickelten Peripherie ausbreitet, sieht Konzepte wie Volk und Nation als irritierend, fast schon subversiv an.“ Eine Subversion, die nicht per se fortschrittlich und emanzipatorisch ist: „Heute protestieren ,linke‘ Antiglobalisierer Hand in Hand mit neonationalistischen Bewegungen und Volkssturmtruppen.“ Über den Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit legt sich schon das „Über alles“.

Die Rezensenten sind entsprechend verwirrt: Laibach hätten sich „in die gesellschaftliche Mitte der Fahnenschwenker begeben“ und mutierten „tatsächlich zu so was wie einer intelligenten Rechten“, schreibt das Musikmagazin „Intro“. Die „Wiener Zeitung“ dagegen will auf „Volk“ einen „aktuellen Abgesang auf den Nationalstaat“ vernommen haben. Solche Widersprüche freuen Laibach. Sie selbst stilisieren sich gern als „Meister der Zweideutigkeit“. Einen amerikanischen Journalisten brachte Laibachs Ivan Novak unlängst mit einer Gegenfrage aus dem Konzept. „Was bezwecken Sie mit den faschistischen Uniformen?“, wurde Novak gefragt. „Was glauben Sie, was das für Uniformen sind, die wir da tragen?“, fragte Novak zurück. Schweigen. „Es sind amerikanische Uniformen“, sagte Novak. Das Gespräch ist Teil der neuen DVD-Dokumentation zur zurückliegenden „Divided States of America“- Tour, bei der einige Interviews die subversiv-aufklärerische Qualität des viel gefeierten und geschmähten Satirefilms „Borat“ erreichen.

Mit „Volk“ vergrößern Laibach ihren Vorsprung auf ihre wichtigsten Epigonen, die deutsche Band Rammstein, die jetzt zeit- und fast namensgleich ihre große DVD/CD-Live-Anthologie „Völkerball“ herausgebracht hat. Wo Laibach befragt, analysiert, zerlegt und wieder zusammenfügt, verharren Rammstein mit ihrem krachenden Industrial-Rock in der Pose der Schocker und Verführer. „Wir wollen, dass ihr uns alles glaubt“, singen Rammstein. „Ich sag’ es dir, dass schwarz und weiß ist kein Beweis“, singen Laibach. Doch Laibach mögen Rammstein, schließlich haben sie mit „Ohne dich“ sogar mal ein Rammstein-Lied remixed. Doch so richtig ernst nehmen können die Slowenen ihre deutschen Nachahmer offenbar nicht: „‚Völkerball‘ ist Unterhaltung für eine Herde Schafe“, sagen sie. „‚Volk‘ ist Nahrung für ein Rudel Wölfe.“Laibachs „Volk“ ist bei Mute erschienen, ebenso die DVD „Divided States of America“. Die Band tritt heute in Hamburg (Markthalle), am 9. Dezember in Dresden (Star Club) und am 11. Dezember in Berlin (Kesselhaus) auf.

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