Kultur : Lamm mit Schlitzohren

Katholik, Bayer, Antipode: Hans Maier erinnert sich

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Der Bildungsrückstand des katholischen Deutschlands war ein altes Thema der Sozialgeschichte. Einen Grund dafür hat einmal, ganz en passant, Hans Maier benannt: die Säkularisierung. Denn sie habe die Klöster aufgehoben, die bis dahin den begabten jungen Leuten aus Dörfern und abgelegenen Regionen den Weg in die Schulen und Hochschulen geebnet hätten. Aus dem Munde dieses Politikwissenschaftlers, Intellektuellen und langjährigen bayerischem Kulturministers klingt die Denkfigur besonders plausibel: Kommt er nicht selbst aus bescheidenen Verhältnissen am Oberrhein, wo es bodenständig und katholisch zugeht? Noch das Etikett des „alemannischen Lamms mit Schlitzohren“, das ihm einst der Spötter Horst Ehmke aufgedrückt hat, spielte auf diese Herkunft an.

Dabei entspricht Maier dem Karriere- muster des Waldbauernbubs, der dank priesterlicher Förderung die Höhen der Bildung ersteigt, bestenfalls näherungsweise. Geboren und aufgewachsen ist er in Freiburg, der Vater war kaufmännischer Angestellter. Die Familien saßen im Schwarzwald und in der Rheinebene. Die Erinnerungen, die er jetzt vorgelegt hat, geben ein eindrückliches Bild dieses regionalen Hintergrunds und seiner Prägekraft. Die Pfarrgemeinde hat da ebenso ihren Platz wie die behagliche Stadt mit ihren Anregungen und typischen Milieus und die Ausstrahlung der Universität. Das hat nichts Enges, aber es ist so fest gefügt, dass das Dritte Reich, das noch über dieser Jugend hängt – Maier ist Jahrgang 1931 – keine Chance hat.

Diese Autobiographie enthält aber nicht allein die lebendig erzählte Geschichte einer Jugend, sondern auch eine Geschichte der Jugend der alten Bundesrepublik. „Das politische Lebewesen Bundesrepublik erstand und regte sich“, resümiert Maier seine Freiburger Jahre. Es wächst heran in einer Bildungswelt, in der Erbe und Tradition weiterwirken, allen Brüchen zum Trotz, aber zu ihm gehört zum Beispiel auch die Politikwissenschaft, die der Nationalliberale und Emigrant Arnold Bergsträsser aufbaut. Nach alledem liegt die Frage nahe, ob die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik sich wirklich – wie ein Buchtitel behauptet, der vor einigen Jahren Furore machte – vor allem der Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule verdankt. Fand sie nicht ebenso gut in dieser südwestlichen Ecke der Republik statt, im Schatten von Münster und Schwarzwald?

Wenn einer dafür einsteht, dann Hans Maier und seine Laufbahn. Nicht einmal dreißigjährig hat er auf zwei Feldern geackert und geerntet: dem der Geschichte der christlichen Demokratie und dem der alteuropäischen „Polizey“, die er als Bestandteil der älteren deutschen Staatlichkeit regelrecht entdeckte – Dissertation das eine, Habilitation das andere. Der Ruf nach München, 1962 – natürlich: als jüngster Professor der Universität – bedeutet den Beginn einer rasanten Laufbahn, im Fach und in der Öffentlichkeit. Bald gehört er zur Phalanx der jungen politischen Professoren, der Dahrendorf, Habermas, Sontheimer – auch er ein „Freiburger“ –, die in den sechziger Jahren immer stärker die intellektuellen Debatten in der Bundesrepublik prägen. Das Bayerische Kultusministerium, in das er 1970 berufen wird - eher als Verlegenheitslösung –, verhilft Maiers Laufbahn zu einer frühzeitigen Nobilitierung. Denn der damals noch nicht Vierzigjährige amtiert nicht nur 16 Jahre lang, sondern auch – woran die Erinnerungen keinen Zweifel lassen – mit Lust. Dieser Intellektuelle in der Politik ist, soweit man das ermessen kann, erfolgreich – es könnte sein, dass auch noch Bayerns Pisa-Ränge eine Spätfolge seiner Entschlossenheit sind, den damals grassierenden Reformen des Bildungswesens seine Richtung zu geben.

In seiner Autobiographie verzichtet Maier darauf, Rechnungen aufzumachen – wie sie überhaupt unangestrengt, in gelassener, erzählfreudiger Intonation daherkommt. Allenfalls lässt er sich von der ihm eigenen schreiberischen Brillanz zu einer gewissen Selbstgefälligkeit hinreißen; auch streut er die Namen etwas reichlich. Auch diesen einen: Franz-Josef Strauss. Der hatte über Maier, ein ihm fremdes Temperament, immerhin gesagt, wenn Leute wie er weg seien, „ist die CSU wieder eine Bierdimpel-Partei“. Maier zitiert es nicht ohne Stolz, hängt den Bayern-Heros aber spürbar tiefer. Bewunderung ja, vor allem für den Redner, aber als gestaltender Politiker eher überschätzt, von einem „Hauch von Vergeblichkeit“ umgeben. Und überschattet von dem „anderen Strauss“, der sich „in Sekundenschnelle in ein zuckendes Bündel von Wut und Aggressivität verwandeln“ konnte.

Beeindruckend bleibt an dieser Biografie, wie sehr sie durchdrungen ist von einer selbstverständlichen Katholizität. Zehn Jahre ist Maier Präsident des Katholikentages, der katholischen Laienvertretung, und nach dem Ende seiner Ministerzeit kehrt er zur Universität zurück mit der Übernahme eines Lehrstuhls, dessen Namensgeber Romano Guardini einmal „katholische Weltanschauung“ gelehrt hatte. Das macht Hans Maier zu einer bemerkenswerten Erscheinung im politischen und intellektuellen Leben der Bundesrepublik. In ihm zeigt es eine andere Seite, jenseits des linksliberalen Mainstreams, aber in seinem Anspruch nicht weniger selbstverständlich und selbstbewusst. Fasst man etwa Maier und den ganz anders gestrickten Ralf Dahrendorf ins Auge, beide intellektuelle Sterne am Himmel der alten Bundesrepublik, so tritt Maiers besonderes geistiges und mentales Hinterland hervor. Da ist erstaunlich wenig von dem internationalen Fluidum, in dem sich die Sozialwissenschaften heute bewegen, dafür aber der Kosmos Alteuropas und einer Weltkirche, die Kraft des Regionalen, die Bindungen, die Ligaturen – um mit Dahrendorf zu sprechen – von Religion und gewachsener Kultur.

Übrigens wäre er zweimal – 1978 und 1984 – beinahe zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten geworden. Beide Mal passte er erst in den Proporz der Kalkulationen, dann nicht mehr, im zweiten Fall dank Strauss` Widerstand. Dem Amt hätte es nicht geschadet – weniger, weil dann zum ersten Mal die CSU zum Zuge gekommen wäre, sondern wegen der spezifischen Farbe, die seine Intellektualität ihm gegeben hätte. Zumal es keinen Zweifel gibt: Er hätte – um mit Fortinbras am Schlusse von „Hamlet“ zu sprechen – „wär’ er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst präsidial bewährt“.





Hans Maier:

Böse Jahre,

gute Jahre.

Ein Leben 1931 ff.

Verlag C.H. Beck,

München 2011,

420 Seiten, 24,95 Euro.

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