Kultur : Land auf dem Rücken

Ein Palästina-Symposium im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Gerwin Klinger

Ein israelischer Historiker, der sich mit einer Studie über die Kreuzzüge plagt, arbeitet als Brandwächter in einem Wald. Zu ihm gesellt sich ein palästinensischer Gehilfe, dem man die Zunge herausgeschnitten hat. Spaziergänger erzählen dem Wächter von einem Dorf, das sich dort einmal befunden haben soll. Als er daraufhin den stummen Gehilfen danach fragt, brennt der den Wald nieder. In der Asche werden die Ruinen eines palästinensischen Dorfes sichtbar. So der Plot einer israelischen Novelle, die der libanesische Schriftsteller Elias Khoury beim „Palästina-Symposium“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorstellte. Sie handelt vom Kernproblem der palästinensischen Identität, wie es die arabischen Intellektuellen begreifen: Die Staatsgründung Israels im Krieg von 1948 ruinierte das arabisch-palästinensische Nationalprojekt. Für die Palästinenser ist sie „al-nakbah“, die Katastrophe, die sie zu einem Volk ohne Staat, Institutionen, Territorium machte.

Ein dramatischer Bruch, der, wie der palästinensische Historiker Elias Sanbar erklärt, Palästina auf eine „arabische Abstraktion“ reduziert: Das von einem anderen Land bedeckte Gebiet existierte nicht einmal mehr als „besetztes Land“. Die lange Siedlungsgeschichte der Palästinenser wurde negiert, als „die Araber der Territorien“ wurden sie mit Beduinen gleichgesetzt, die auftauchen und verschwinden, ohne Bindung an das Land, durch das sie ziehen. Seit 1948 trügen die Palästinenser ihr Land quasi auf dem Rücken mit sich. Ihre Geschichte drehe sich um die Wiedergewinnung des palästinensischen Namens: Fast zwanzig Jahre seien die Palästinenser verschwunden gewesen, erst in der Folge des Krieges von 1967 habe man sie wiederentdeckt. Vor diesem Hintergrund würdigt Sanbar, der ab 1967 die israelisch-arabischen Friedensverhandlungen mit vorbereitete, es als „historischen Sieg“, dass heute niemand mehr sage, es gäbe keine Palästinenser und kein Palästina.

Der palästinensische Nationaldiskurs war, wie der Historiker Issam Nasser zeigt, bis in die sechziger Jahre pan-arabisch angelegt, mit der Tendenz, die palästinensische Identität in einer arabischen aufzulösen. Das brachte gleich doppelte Schwierigkeiten. Zum einen wurde er von israelischen Gegenspielern aufgegriffen: Die Palästinenser seien Araber und sollten von größeren arabischen Nationen aufgenommen werden. Zum anderen waren die Palästinenser in der Westbank einem starken Einfluss Jordaniens ausgesetzt. Heute hat man sich auf die „Existenz verschiedener arabischer Identitäten“ verständigt und sieht sich durch den Osloer Prozess auch offiziell als „Palästinenser in Flüchtlingslagern oder Exil“.

Dabei wird die palästinensische Nationalgeschichte vom Staat Israel nach wie vor infrage gestellt – aber hier registriert Dominique Vidal von „Le Monde diplomatique“ eine interessante Wende. Auf der Basis neuer Archivforschung hinterfragt eine Gruppe von Historikern die israelischen Gründungsmythen: den der tödlichen Bedrohung nach 1948 und den der israelischen Friedensabsichten nach dem Gründungskrieg. Auch der Mythos vom Exodus der Palästinenser wird destruiert. Sichtbar werden „Vertreibung“, der „Faktor Gräueltaten“ und die Beschlagnahmung „verlassenen Besitzes“. Insgesamt verschwinden 400 palästinensische Dörfer.

Trotz solcher Ansätze befürchtet Vidal, dass Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik neu aufleben werden. In Groß-Israel lebt bald eine arabische Mehrheit. Israel müsse sich entscheiden, ob es ein demokratischer Staat sein wolle, der dann nichtjüdisch sei, oder ein jüdischer Staat bleibe und dafür eine Apartheid der arabischen Mehrheit in Kauf nehme. Ein tragisches Dilemma, aus dem Vidal nur zwei Auswege sieht: Entweder die Schaffung eines Palästinenser-Staates oder die Vertreibung der Palästinenser. Ariel Scharon spreche davon, dass der Unabhängigkeitskrieg von 1948 noch nicht beendet sei.

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