Kultur : Land der fliegenden Untertassen

Im Rückwärtsgang: Zeichentrickfilme des südafrikanischen Künstlers William Kentridge im Hamburger Bahnhof Berlin

Christina Tilmann

Manchmal entwickeln Dinge ein geradezu unheimliches Eigenleben. Die Untertasse rückt hartnäckig von der Kaffeetasse weg, die Espressomaschine tropft und hinterlässt schwarze Flecken auf dem weißen Papier. Der südamerikanische Künstler William Kentridge nutzt diese Widerspenstigkeit zur Kunstproduktion: flugs wird die Untertasse zum Vollmond, die Tasse zum Teleskop, die Espressomaschine zur Rakete, und es beginnt: die Reise zum Mond.

Eine poetische Hommage an den französischen Filmpionier George Méliès (1861–1938) hat Kentridge mit seiner neunteiligen Arbeit „Journey to the Moon“ im Sinn gehabt, die auf der Biennale in Venedig 2005 Furore machte und nun als Neuerwerbung der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof zu sehen ist – passend zu den am Donnerstag beginnenden Filmfestspielen, die der Hamburger Bahnhof mit einem Video-/Filmkunst-Schwerpunkt begleitet.

Kentridge und Méliès – Kunstmagier trifft Filmmagier, und beide haben ihre Wurzeln im Theater: So tourte das Mulittalent Kentridge mit seiner „Handspring Puppet Compagny“ durch Europa, auch Méliès war vor seinen Filmexperimenten Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Zauberer. Zauberei, die Lust an Tricks und Illusionen, das verbindet Kentridge mit Méliès. Seine Schwarz-WeißFilme, die auf Kohlezeichnungen basieren und sich locker an Méliès’ Stummfilmklassiker von 1902 orientieren, arbeiten mit den gleichen Mitteln, die auch der Franzose verwendete: Vor- und Rückwärtsprojektionen, Beschleunigung, Negativprojektionen. So werden unzählige Ameisen, die über eine Zuckerstraße kriechen, in der Negativversion zu strahlenden Lichtpunkten am Sternenhimmel („Day for Night“), oder der Künstler selbst im Atelier spielt ein Papierballett zwischen fliegenden Blättern: Geschickt fängt er in der Rückwärtsprojektion die umherwirbelnden Papierseiten auf – dabei hat er sie eigentlich nur einfach in die Luft geworfen. Ein Trick übrigens, den Kentridge von seinem kleinen Sohn gelernt hat: Ein Handycam-Film, den er auf dem Spielplatz anfertigte, zeigt den Kleinen, wie er mit Spielsachen um sich wirft. Rückwärts abgespult fängt er die Gegenstände zielsicher wieder auf.

Das erinnert, begleitet von der Musik Philip Millers, tatsächlich oft an frühe Stummfilme, vor allem durch die slapstickartige Situationskomik: Da besteigt der Künstler im Atelier eine Leiter, und prompt fallen alle Bilder von der Wand, löst sich die Leiter auf, und Kentridge fällt zu Boden. Immer wieder taucht er in seinen Filmen selbst auf, im Selbstporträt als schaffender Künstler, der sein Abbild abwechselnd auslöscht und wieder zusammensetzt. Dass Kreativität nur im Umhergehen, im Wandeln, entstehe, ist eine von Kentridges Grundüberzeugungen: So sieht man den Künstler unruhig im Atelier auf- und abtigern, bis er erschöpft in einen Stuhl sinkt, auf dass eine schöne nackte Frau hinter ihn tritt – ein Traumbild, natürlich.

Er habe nur die Materialien verwendet, die im Atelier zu finden waren, erzählt Kentridge: Da muss man improvisieren. Um den Schöpfungsprozess geht es auch in den Kurzfilmen „7 Fragments for George Méliès“, die vor allem von einem horror vacui erzählen. Das weiße Blatt und der Zwang, es zu beschreiben, stehen am Anfang, tastende Striche und Punkte entstehen, dann wird alles wieder ausgewischt. Auch die fertigen Bilder, eine Landschaft in der Nähe von Johannisburg oder ein Porträt des Künstlers selbst bei der Arbeit, löst sich im Rückwärtsgang in Kohlenebel auf, bis da wieder nur die weiße Fläche gähnt.

Ein Auslöschungsprozess, den man natürlich politisch verstehen kann, aber nicht muss, ebenso wie das Spiel zwischen Schwarz und Weiß. Immer hat Kentridge auch die Nach-Apartheit-Situation des Landes reflektiert. Auch die liebenswürdige „Reise zum Mond“, basierend auf einer Jules-Verne-Erzählung, ist eigentlich eine Eroberungsgeschichte: Nachdem die Rakete auf dem Mond gelandet war, werden die Weltraumfahrer von unheimlichen Wesen angegriffen, die in Kentridges Umsetzung natürlich schwarz sind. Die Eroberten schlagen zurück.

William Kentridge, Journey to the Moon, Hamburger Bahnhof, bis 6. Mai

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben