Kultur : Land der Wunder

Auch ich träumte den amerikanischen Traum: Mit „In America“ hat der irische Regisseur Jim Sheridan seine eigene Biografie verfilmt – aus Kindersicht

Christina Tilmann

Manchmal zoomt in einer einzigen Szene das ganze Leben zusammen. Die kleine Tochter Ariel hat sich auf dem Rummelplatz eine E.T.-Plastikfigur gewünscht, und der Vater nimmt das Glücksspiel an, um sie zu bekommen. Er wirft, verliert, wirft, verliert, immer wieder. Bald ist das vorgesehene Geld aufgebraucht, wird das ganze Vermögen der Familie aufs Spiel gesetzt. Es sammelt sich eine gespannte Menschenmenge um den Jahrmarktsstand, wo der Vater wie unter einem bösen Zauber wirft und verliert, wirft und verliert – bis am Ende ein Wunder geschieht. Zwei, drei Minuten hat die Szene gedauert – und die ganze Tragödie des Films enthalten.

Manchmal auch zoomt in einem Film das ganze Leben zusammen. Der irische Regisseur Jim Sheridan, der mit Filmen wie „Mein linker Fuß“, „Im Namen des Vaters“ und „Der Boxer“ bekannt wurde, hat mit „In Amerika“ seinen persönlichsten Film gedreht. Die Geschichte einer irischen Familie, die in den 80-er Jahren in New York ihr Glück sucht, ist seine eigene, wie er im Interview erzählt (siehe unten). Der melancholische Grundton, den der Verlust eines Kindes in den Film bringt, entspringt der Trauer des Regisseurs um seinen früh verstorbenen Bruder. Und die Idee, den ganzen Film aus Sicht der beiden kleinen Töchter zu erzählen, kam von den Töchtern des Regisseurs, die am Drehbuch mitschrieben.

Genau dieser Kinderblick macht den Charme des Films aus. Für die Mädchen Christy und Ariel ist New York und der heruntergekommene Wohnbezirk „Hell’s Kitchen“ ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Das verkommene Haus voller Junkies und Bettler, die riesengroße Dachwohnung, in der Tauben hausen, der geheimnisvolle schwarze Mann im Untergeschoss, der nachts so furchterregend schreit: all das verleiht, aus Kindersicht, dem Film einen seltenen Märchenton. Nur gegen Schluss, als mit Frühgeburt, Ehekrise, Aids, Armut und Depression alles Unheil dieser Welt über die leidgeprüfte Familie hereinbricht, trägt Sheridan zu dick auf. Das letzte Wunder, zugleich ein Menschenopfer, ist eines zu viel.

Und doch gibt es einen Grund, den Film zu sehen: Sarah und Emma Bolger, elf und sieben Jahre alt, spielen die Erwachsenen einschließlich Samantha Morton als vom Unglück verfolgte Mutter und Paddy Considine als überforderten Vater glatt an die Wand. Schon einmal, 1996, kam es in Venedig fast zum Aufstand, als die damals dreijährige Victoire Thivisol in Jacques Doillons „Ponette“ mit dem Preis für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Für „In America“ wäre die Entscheidung wahrscheinlich ähnlich ausgefallen.

Cinemaxx Colosseum, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, Hackesche Höfe, International, Yorck und New Yorck, OV im Cinestar Sony-Center, OmU im Odeon

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben