Kultur : Land des Lächelns

Elfi Kreis

Adrienne Goehler tut es, Antje Vollmer tut es und zur Eröffnung spielt auch das Vernissagepublikum in der Galerie Prüss & Ochs, ehemals Asian Fine Arts, brav mit im Asien-looks-alike-Wettbewerb. Die beiden Politikerinnen standen Ling Jian Modell und zogen sich vor seiner Kamera Schlitzaugen. Auch die Galeristin Jaana Prüss zeigte sich vom neuen Bildzyklus "Asian Fashion / Asian Vibes" inspiriert und ging selbst auf die Jagd nach Schnappschüssen. Was bei ihr allenfalls eine unterhaltsame Showeinlage wurde, dient Ling Jian als Arbeitsgrundlage: Bildvorlage für seine bestechend präzise, oft fotorealistische Malerei.

Teile unserer Kultur, Philosophie und Ökonomie seien vom Asienfieber infiziert, so Prüss und Ochs. Mit Ironie interpretiere Ling Jian den europäischen Blick auf Zen und Buddhismus. Die Themenklammer greift bei dem breitgefächerten Bilderbogen aber nur teilweise. Bei einigen Arbeiten wirkt der griffige Marketing-Slogan "Asian Fashion" so aufgesetzt wie das Lächeln auf Abruf fürs harmlos heitere Rollenspiel. Antje Vollmer oder Buddha - der 1963 in der Provinz Shandong geborene Maler zeigt sie nicht nur hyperrealistisch, sondern auch weichgezeichnet, wie durch einen diffusen Nebelschleier. In Öl und Acryl, mit Pinsel und Airbrush führt Ling Jian sein technisches Können vor, dass er an der Kunstakademie Peking bei Zhan Li Go und Robert Rauschenberg erworben hat. Bereits Ende der achtziger Jahre zog es Ling Jian nach Europa, seit fünf Jahren lebt er in Berlin.

Sein visonärer Streifzug durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist gespickt mit Stilzitaten der Kunstgeschichte von Art Déco bis Pop Art. Ebenso bedient sich Ling Jian in der Werbeindustrie. Bei "Asian Fashion - Qi für 88 Stunden Glanz" (7500 Euro) stand Shampoowerbung Pate. Ein asiatisches Starmodell posiert neben einer Freundin, die bei dem Versuch asiatisch auszusehen nur eine schiefverzerrte Grimasse zustande bringt. "New Buddha" heißt eine Serie kreisrunder Leinwände in Blau oder Rot, auf denen das statuarische Standardlächeln im Mondgesicht des Religionsgründers erst ins stille Lächeln asiatischer Gesichter, dann in Nachahmungsversuche westlicher Machart übergeht (je 3000 Euro).

"Duft des Nirwana" (11 000 Euro) ist ein Selbstporträt. Ling Jian malt sich im westlichen Anzug als Langohr, der seine Hörorgane auf absurde Weise gewaltsam bis zur Schulter streckt, wo sie mit Wäscheklammern befestigt sind. Er sucht sein Glück in der Fremde und muss dabei in Kauf nehmen, sich ein Stück weit fremd zu werden. In Ling Jians Malerei geht es um diese neue Identität: Aneignung westlicher Ausdrucksformen, ohne die geistige Bindung an chinesische Traditionen zu kappen. Als roter Faden zieht sich der Zwiespalt des Einzelnen in der Massengesellschaft durch seine Malerei. Des Individuums, das seine Identität zu behaupten sucht und doch kein Fremdkörper sein will.

0 Kommentare

Neuester Kommentar