Kultur : Landeszubehör

Hans Joachim Schädlichs kürzeste Geschichte

Richard Wagner

Die kürzeste Geschichte von Hans Joachim Schädlich, die ich kenne, steht in seinem Debütband „Versuchte Nähe“ (1977). Sie hat anderthalb Seiten. Das wäre in etwa der Umfang eines Klappentextes zu einem Roman. „Schwer leserlicher Brief“ handelt von einem Ausreiseantrag, ein Thema, für das Autoren sonst Romane verbrauchen. Nein, die Kurzgeschichte ist nicht das Gegenteil des Romans, sie ist seine Widerlegung. Sie tröstet nicht, und sie beflügelt nicht. Weil sie sich ihre Kürze leisten können muss, muss sie die Kunst des kurzen Prozesses beherrschen. Trivial gesagt: Kurzgeschichten können grausam sein. „Weil, wenn nicht gelten soll, was meine Sache ist, ich an falschem Ort wohne“, lässt Schädlich den Protagonisten seiner Geschichte sagen.

Im Grunde ist alles schneller erzählt als man denkt, und nichts, was passiert, hält länger vor als eine Anekdote. Der Akteur ist ein Mann, der den schwer erkrankten Vater im Westen besuchen möchte und dessen Antrag ohne Angabe von Gründen abgelehnt wird. Daraufhin entscheidet er sich zur Ausreise, was er ursprünglich gar nicht vorhatte. „Von kurzem Aufenthalt wäre ich zurückgekehrt“, heißt es lapidar. Der Staat hat den Bürger zum Untertan gemacht. Es geht schließlich nicht darum, ob dieser Staat jemandem eine Reise genehmigt, es geht darum, dass es den Staat grundsätzlich nichts angeht, ob und wann und wie und unter welchen Umständen der Bürger auf Reisen geht. Ein Staat, der seine Bürger zu Untertanen macht, ist kein Rechtsstaat, er ist eine Diktatur. Um das zu erklären, sollte eine Kurzgeschichte ausreichen. „Ich kenn mich nicht aus in Akten“, sagt die Person bei Schädlich. „Aber so viel weiß ich: dass ich nicht Zubehör bin des Landes, nicht bleiben muss, wo ich geboren bin.“

Beide, Roman und Kurzgeschichte, handeln von einer Eskalation. Die Kurzgeschichte benennt die Gründe, der Roman schildert sie nicht selten auf Teufel komm raus. Ja, die Kurzgeschichte ließe sich als Genre der Aufklärung bezeichnen, obwohl sie eine spätere Erfindung ist. Geht man davon aus, dass ihren Kern die Anekdote bildet, so wäre sogar die Enzyklopädie eine Kurzgeschichtensammlung. Gerade auf die Anekdote aber ist die Diktatur schlecht zu sprechen. Vor allem auf deren Zuspitzung zum Witz. Schädlichs Geschichte gehört, wie man früher gesagt hätte, in die Schulbücher. Dass man beim Schreiben ans Lesen denkt, ist ein Skandal. Ein unvermeidlicher. Den Brief, den der Titel erwähnt, gibt es in vier Kopien. Drei davon sind für die Staatsmacht bestimmt, die vierte, so der Autor, für das Gedächtnis. Es ist der letzte Durchschlag. Das, was dem Helden der Geschichte bleibt. Und plötzlich ist nicht nur von der Diktatur die Rede, sondern auch von ihrem Nachleben. Richard Wagner

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin. Ende Januar erscheint im Aufbau Verlag sein Roman „Belüge mich“.

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