Kultur : Landkarten im Kopf

Steffen Richter

über die Vermessung der Unwirklichkeit Landkarten sind fast wie Romane. Hier wie dort wird Geschichte erzählt und Fantasie freigesetzt. In beiden Medien kann man lesen und in beiden wird gelogen. Außerdem schärfen Karten den Blick dafür, dass Literatur nicht nur mit Zeit zu tun hat, sondern auch mit Räumen. Für das innige Verhältnis von Karten und Literatur steht der kleine Berliner Verlag Jena 1800. Der vertreibt literarische Stadtpläne von London, Paris oder St. Petersburg, aber auch von Leipzig, Hamburg oder Heidelberg. Um zu erfahren, wer wo war, sollte man im Buchhändlerkeller vorbeischauen (Carmerstr.1, Charlottenburg). Dort wird heute eine Ausstellung zu den Topographien des Geistes eröffnet. Eine Einführung in diese anschauliche Form von Literaturgeschichte liefert die Verlagschefin Ute Fritsch, während Michael Bienert sein „Literarisches Berlin“ vorstellt (20 Uhr 30).

Dass Karten Überblick und Allmacht vorgaukeln, wusste auch Georg Klein, als er jedem Kapitel seines Debütromans ein Kartenfragment voranstellte. Ob sich diese Teile zum Ganzen fügen und am Ende ein exakter Plan der rätselhaften Stadt „Libidissi“ entsteht, ist zweifelhaft. Denn Karten sind bei Klein nicht statisch, sondern lebendig. Sie sind an die „Topographien unserer Leiberfahrung“ und „unseres mentalen Systems“ gebunden. Über seine Poetik wird Georg Klein heute am Literarischen Colloquium sprechen (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 20 Uhr). Wie viel er wohl von seinen Produktionsgeheimissen preisgibt?

Eine Frage der mentalen Topographie bestimmt auch das Werk von Orhan Pamuk . Sein Schreibtisch steht in Istanbul und ist Spielfeld sowohl des säkularisierten Westens als auch des Islam. Am 26.10. liest der gerade gekürte Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels in der Volksbühne (19 Uhr).

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