Kultur : Landkarten von Michael Müller: Logistik und Surrealistik

Knut Ebeling

Berliner wissen besser als andere Menschen, dass Landkarten oder Stadtpläne mitnichten die städtische oder landschaftliche Wirklichkeit wiedergeben; wer einmal mit Erschrecken festgestellt hat, dass die Straße in seinem Stadtplan, die ihn letzte Woche noch Heil nach Mitte brachte, nicht mehr existiert, zweifelt entnervt am Kartenbild der Welt. Wenn die moderne städtische - und spätestens nach Lenins Einebnung des Unterschiedes von Stadt und Land - auch die ländliche Wirklichkeit ebenso fiktiv oder ebenso real ist, wie die Karte, die sie konstruiert, dann bewegen wir uns immer schon in einem virtuellen Raum.

Künstler, von jeher Schöpfer künstlicher Welten, hatten diese Einsicht schon früh und integrierten bereits in der Renaissance Landkarten in ihre perspektivischen Gemälde: Leonardo zeichnete als Kartograph für Cesare Borgia, El Greco integrierte 1602 den Plan von Toledo in eine Vedute der Stadt, und Vermeer zeigt im Hintergrund seiner "Allegorie der Malerei" gar eine Landkarte der Niederlande. Die Karten sind hier noch ebenso fiktiv und konstruiert wie die Malerei, die sie schmücken. Mit dem Beginn der klassischen Moderne und den neuen kartographischen Techniken zerbrach das Band, das Künstler und Kartographen einmal verbunden hatte: In dem Maße, wie die Kartentechniken sich anschickten, Wirklichkeit originalgetreu wiederzugeben entwickelten Künstler wie Max Ernst, Jasper Johns, Marcel Broodthaers oder On Kawara in ihren Karten fiktive und erträumte, psychotische und halluzinierte Karten - und arbeiteten dabei unversehens an der unheilvollen Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Diese moderne Opposition wird von den Karten Michael Müllers unterwandert. Der Berliner Künstler produziert seit Jahr und Tag Karten, die durch ihre Akribie zwar wirklich aussehen, aber durch und durch fiktiv sind. Seine Karten nehmen die Wirklichkeit in den Dienst der Phantasie: Bei ihm ist die Utopie nicht das phantastische Andere des Realen, sondern das Reale selbst ist utopisch und phantastisch. Müllers Kartographie bewegt sich auf verschiedenen Terrains und Formaten. Bei Arndt & Partner stellt er - in seiner ersten Ausstellung überhaupt - den ersten Teil einer Landkarte eines Flusstals aus. Die Karte bedeckt eine ganze Wand. Eine Million Menschen könnten hier leben: zwischen Waldgebieten und Wegen, Flussarmen und Brücken, Siedlungen und Feldern. Auf Din-A-4-Bögen akribisch mit einem Bleistift der Stärke 0,5 bis 0,7 verzeichnet, wuchern die realen Zeichen einer fiktiven Welt von einem Blatt zum nächsten. Ein Ende ist nicht abzusehen. Es könnte an jeder Seite weitergehen. Müller zeichnet Karten, seit er acht ist. Während seine kindlich-surreale Obsession früher im Papierkorb landete, brauchte es der Initiative von Freunden, die den Heimkartographen vom Wert seiner Arbeit überzeugten. Dieser ist vor allem ein halluzinativer: Vor der göttlichen Vogelperspektive wird einem plötzlich klar, dass der Rausch nicht fern ist. Man hat hier eine Realität vor Augen - die sich aber nur im Kopf eines Menschen befindet. Was diese Welt im Kopf mit der neuzeitlichen Tabula Rasa Leonardos verbindet, ist die Tatsache, dass sie sich nicht von der Phantasie, sondern von Sachzwängen leiten lässt. Müller erzählt, dass er sich die jeweiligen Orte nicht ausdenkt, sondern dass sich seine Karten von selbst ergeben: Nach dem Fluss kommt die Mündung, auf die Straße folgt die Siedlung. Das ist die Poetik der Karte - ein übergeordnetes Verfügungssystem, dem sich Müller wie die Künstler der Renaissance demütig unterordnet. In der sakralen Anmutung des Kartenwerks sind Logistik und Surrealistik, Berechnung und Obsession neu zusammengefügt - was man vielleicht sogar vom Potsdamer Platz in der rushhour sagen kann (Preise von 3600 Mark bis 30 000 Mark).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben