Kultur : Landkartenspiele

Steffen Richter

SCHREIBWAREN

über

literarische Vermessungswerke

Auf meinem alten Ostberliner Stadtplan beginnt westlich des Brandenburger Tors eine terra incognita. Die Westberliner S-Bahn-Stationen Lehrter Bahnhof und Wedding scheinen in einer Wüste zu liegen, im Terrain des Klassenfeinds. Karten sind faszinierend. Wer ist nicht schon einmal mit dem Finger über einen Globus spaziert und dabei an irgendeinem fremden Ort hängen geblieben? An Karten lässt sich ablesen, wie sich unser Bild von der Welt verändert. Sie erzählen Geschichte. Natürlich lügen und verzerren sie auch. Aber ohne Karten – reale oder solche im Kopf – wüssten wir weniger von uns selbst.

Warum dieses Loblied auf die Karte? Weil der Historiker Karl Schlögel ein Buch geschrieben hat, das eine ungeheure Fundgrube für alle Landkartenliebhaber darstellt. Am 29.1. stellt er es im Ethnologischen Museum Dahlem (Lansstr. 8, 19.30 Uhr) vor. Schlögel verhilft dem Raum gegen das vorherrschende Paradigma der Zeit zu seinem Recht. Er begleitet Alexander von Humboldt auf seinen Entdeckungsfahrten, diskutiert die Geschichte der Kartographie und ihre politischen Implikationen. Und er verteidigt die unmittelbare Anschauung gegen die Abstraktion des Begriffs. Schlögel ist ein Flaneur, der munter durch kulturelle Räume schlendert und sie als historische Zeichen deutet. „Im Raume lesen wir die Zeit“ (Hanser) ist ein Sachbuch, dass sich wie ein kulturgeschichtlicher Thriller liest.

Auch das Literarische Colloquium (LCB) beginnt das neue Jahr gewissermaßen mit einem kartographischen Projekt. Denn was sind Literaturgeschichten anderes als Vermessungsarbeiten an Texten? Sie kartieren unübersichtliches Gelände und geben so Orientierung. Am 28.1. diskutieren der Kritiker Helmut Böttiger („Nach den Utopien“, Hanser) und der Autor Norbert Niemann („Inventur. Deutsches Lesebuch 1945-2003“, Hanser) mit Sigrid Löffler und Klara Obermüller über Gegenwartsliteratur (20 Uhr).

Eine gute Karte wäre auch dem Bildhauer Albin Kranz zu wünschen. Er hat einen Mord beobachtet und keiner glaubt ihm. Auf der Suche nach Wahrheit verirrt er sich im Labyrinth Istanbuls und in seinen alkoholgetränkten Delirien. Christoph Peters liest am 29.1. um 21 Uhr im Buchhändlerkeller aus seinem raffiniert gewebten Reise-, Kriminal- und Liebesroman „Das Tuch aus Nacht“ (btb). Auch ihm sind Karten nicht fremd. Wo die weißen Flecken in der Realität verschwunden sind, erfindet die Literatur eben neue, noch nicht vermessene Bezirke.

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