Kultur : Landschaft der Kindheit

Kicken zeigt Fotografien von Joachim Brohm

Hans-Jörg Rother

Zehn Jahre lang hat sich Joachim Brohm in der industriell zersiedelten Landschaft nördlich von München umgeschaut, hat einsame Tankstellen, Schrotthaufen, auch mal nur ein einzelnes Fass aufgenommen und über die nüchterne Neugierde nie das sorgfältige Komponieren vergessen. Seine Fotografie ist von der Kontrastwirkung von Form und Farbe geprägt. Eine Bretterbude, aus bunten Brettern gezimmert, avanciert zum Symbol einer maroden, doch farblich aufregenden Umwelt. „Areal“ heißt die geographisch nur vage festgelegte Serie aus den Jahren 1992 bis 2002. Sie ist jetzt innerhalb der vierzig Arbeiten umfassenden Werkschau in der Galerie Kicken zu sehen.

Joachim Brohm, 1955 geboren, seit 1993 Professor für Fotografie und seit 2003 Rektor der renommierten Hochschule für Graphik, Buchkunst und Fotografie in Leipzig, hat früh seine Vorliebe für Reihen entdeckt, vielleicht weil sie die Chance zur gründlichen Beschäftigung mit einem Landschaftsraum bieten, der fast unerschöpflich viele Aspekte bietet. Für die frühe Serie „Ruhr“ (1979-83) sucht er in Gelsenkirchen, Essen und Bochum Kinderspielplätze, Rodelbahnen und Planschbecken auf oder sichtet Kanusportler auf der Emscher. Obschon fasziniert vom heiteren Treiben der Jugend, verharrt er doch in der Distanz eines Mannes, der nicht dazugehört.

Immer wieder ziehen den romantischen Wanderer die Farben in ihren Bann. Mal dominiert Grün, mal Weiß, mal Rot – eine regelrechte Farbensymphonie. Die Scheu vieler berühmter Kollegen vor bunten Bildern scheint Brohm nie geteilt zu haben. Er beherrscht die Colorwerte des Materials perfekt.

Schon in der während eines längeren Amerikaaufenthaltes entstandenen dritten bei Kicken vorgestellten Serie, „Ohio“ von 1983/84, sind die Menschen weitgehend aus seinem Blickwinkel auf Parkplätze, Drive-in-Restaurants oder einsame Bahnübergänge verschwunden. Nicht die Hektik der Großstadt, sondern das Ersterben der Bewegung draußen auf dem meist flachen Land zieht den Reisenden in seinen Bann. Brohm reproduziert gleichsam jene mythischen Urbilder, die unsere Vorstellung von Amerika geprägt haben, und interpretiert sie neu. Ebenso wenig wie im Ruhrgebiet oder in der bayerischen Provinz kann und will Brohm auch hier den Raum von allen Seiten abstecken. Die Landschaften zerfließen, und allein die geraden Linien einer Hauswand oder eines Platzes scheinen vorübergehend Halt zu bieten. Die Preise bewegen sich moderat zwischen 1400 und 2000 Euro. Hans-Jörg Rother

Galerie Kicken, Linienstr. 155 (Mitte), bis 22. Dezember. Di–Sa 14-18 Uhr.

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