Kultur : Landschaften der Lust

ROBERT VON RIMSCHA

Fragen wir einmal den Star. "Dies ist ein Film über sexuelle Obsession und Eifersucht", meint Tom Cruise. Da hat er nur zur Hälfte recht. "Eyes Wide Shut" ("Augen weit geschlossen"), das Werk aus Stanley Kubricks Nachlaß, ist eine surreale Reise durch die Nacht und handelt mindestens ebenso sehr von hartnäckigem, beinahe irrationalem, Risiko nicht scheuendem Wissensdurst wie von Sex. Zweieinhalb Stunden lang sehen wir Cruise als Voyeur durch die Landschaften seiner Lust ziehen. Er bleibt am Ball und nimmt uns mit, weil er ein Rätsel lösen möchte. Neugier ist eine ebenso starke Triebkraft wie Libido.Jetzt ist er in den USA herausgekommen, der letzte der 13 Kubrick-Filme, gut vier Monate nach dem Tod des 70jährigen Regisseurs. Vor den Kinos stehen Kamerateams, die sich vom Publikum die Antwort auf die allesentscheidende Frage erhoffen: Meisterwerk oder nicht? Oder: Kann ein Kubrick, der 29 Jahre lang konzipiert wurde, überhaupt weniger als ein sofortiger Klassiker sein?Handlungsort ist New York in der Vorweihnachtszeit. Bill (Tom Cruise) und seine Frau Alice (Nicole Kidman) sind ein reiches Ehepaar mit Luxus-Appartement am Central Park, neun Jahren Ehe hinter sich und einer siebenjährigen Tochter. Cruise und Kidman selbst sind seit sieben Jahren verheiratet und sagen, dies habe ihnen beim Verständnis der Charaktere viele Pforten geöffnet. Er ist Arzt, sie war Geschäftsführerin einer pleitegegangenen Galerie. Bei einer Party flirtet er mit zwei Models; sie tanzt mit einem graumelierten ungarischen Charmeur, der ihr gern die Renaissance-Bronzen oben im zweiten Stock zeigen würde. Dort doktert der Gatte gerade an einer Ex-Schönheitskönigin herum, die beim Dosieren ihres Kokain-Heroin-Gemisches nicht vorsichtig genug war und, falls sie stirbt, dem Gastgeber die Laune verderben würde.Ihr Tanzpartner und sein Verschwinden ins Obergeschoß - sie glaubt: mit den Models - sind der Auslöser für eine durch Marihuana intensivierte Aussprache über das Thema Treue und Eifersucht, das Bill und Alice am Abend darauf führen. Sie gesteht ihm, daß es während des vergangenen Sommerurlaubes einen Moment gab, da hätte sie alles für einen im selben Hotel abgestiegenen Marineoffizier stehen- und liegengelassen. Doppelt-mentaler Ehebruch: Was die beiden miteinander angestellt haben könnten, hat Bill fortan als Schwarzweißfilm im Kopf.Und fühlt sich nun herausgefordert: Über eine Prostituierte, eine Nymphe und den Ex-Kommilitonen, der Jazzpianist geworden ist, führt der Weg zu der berühmten Orgie, über die sich beidseits des Atlantiks die Puristen die Köpfe heiß reden. In der US-Fassung sind ein paar Sekunden lang ein paar Digital-Figuren so plaziert worden, daß man das eine oder andere Hinterteil nicht sieht. Das wird der US-Filmindustrie nun als Verrat an Kubrick ausgelegt. In Europa wird man die zusätzlichen Zentimeter Fleisch sehen können und sich dann überlegen dürfen, ob dies viel mit Kubricks Integrität zu tun hat.Mit der Orgie beginnt das Rätselspiel um geflüsterte Warnungen, angekündigte Drogentode und verschleppte Freunde. Magisch zieht es Bill zurück an den Ort der Ausschweifungen, die ohne sein Zutun vonstatten gehen mußten. Er wird zum Kriminalisten, durchstreift die Stadt und fahndet nicht mehr nach Orten der Lust, sondern nach der Rationalität der Entgrenzung. Er will Lösungen, Antworten, Klarheit. Und auf eine ziemlich plumpe Art, wie bei der Schlußansprache in einem Miss-Marple-Film, wird er sie auch bekommen.Der Film ist sehr grobkörnig. Die Farben haben meist einen kleinen Rotstich - sie sind schwer, schwülstig, barock. Die Bühnen, oft prachtvolle Bauten mit luxuriösen Zimmerfluchten, werden für strenge Kamerablicke benutzt, die sich mit reichlich Nahaufnahmen abwechseln. Der ganze Film besteht fast nur aus Dialogen. Cruise ist in fast jeder Szene zu sehen. Die Unterhaltungen zwischen Liebenden und Gierenden sind theatergerecht aus-inszeniert, in die Länge gedehnt, langsam. Oft ist es dazu still. Mehrere zehnminütige, nicht musikuntermalte Dialoge - selten im Kino heute. Wenn es dramatisch wird, hilft ein hypnotisierendes Klavier. Die Atmosphäre ist ähnlich der im Kubrick-Film "Shining": Vorahnungen, Drohungen, Andeutungen. Man weiß, daß es schlimm kommen wird.Kommt es aber nicht. Die tolpatschige Auflösung ist nicht die einzige Schwäche von "Eyes Wide Shut". Kidman scheidet nach einem guten Drittel des Films so gut wie aus. Es geht um seine Obsession, nicht ihre. Und dies dürfte der zentrale Makel sein. Was Kubrick Cruise auf der Grundlage der Schnitzlerschen "Traumnovelle" suchen läßt, entspringt den Lüsten, Verboten und Bestrafungsphantasien vergangener Zeiten. Die "Washington Post" hat "Eyes Wide Shut" denn auch das Etikett verpaßt: "Der tabuloseste Sex-Film des Jahres 1958." Anders als im "Letzen Tango in Paris" oder in Kubricks eigener "Lolita" geht es hier um objektlose Obsession. Cruise und Kidman tun es nicht nur nicht, es geht auch gar nicht um beider Lust aufeinander oder Unlust aneinander. Es geht um das abstrakte Dritte. Es geht auch nicht um Erotik. Es geht um eine mittelalterliche Nähe von Sex, Strafe und Tod.So ist "Eyes Wide Shut" eine Phantasie über Ehebruch, Fremdgehen, sexuelles Ausrasten, Slumming mit der Straßennutte - was auch immer. Aber eben nur eine Phantasie. Cruise und Kidman gehen nicht fremd. Monogamie rettet vor zuviel Phantasie. Kann so etwas heute noch provozieren? Natürlich nicht.Gespalten hat die US-Kritik den Film aufgenommen. Zunächst einmal gibt es die Absurdität zu vermelden, daß im Magazin der "Washington Post" der folgende Warnhinweis an die Besprechung gehängt wurde: "Enthält Nacktheit, sexuelle Szenen, Marihuana-Rauchen, Alkohol-Trinken und Obszönität." Zwei Kritiker durften gegeneinander anschreiben. Einmal ist die Rede von einem "Testament der Kubrickschen Meisterschaft", dann indes von einem "nicht schlechten, sondern traurigen Film", der "auf hoffnungslose Art jeden Gegenwartsbezug vermissen" lasse. Kollegen attestieren "eine faszinierende Bereicherung des Kubrick-Kanons: das Bett als letzte Grenze" oder "eine auf brillante Weise provokative tour de force" ("New York Times"). "Time" sieht ein "Meisterwerk", "Entertainment Weekly" dagegen "eine große Enttäuschung" und "einen von Kubricks schwächsten Filmen". Überraschend ist die präzise Begründung des Negativurteils: Kubrick habe für die komplett in London gedrehten New-York-Szenen nicht genügend Statisten eingesetzt. Das härteste Urteil, "gigantomanisch, fehlgeleitet, kalt und idiotisch", hat der US-Kritiker Stephen Hunter abgegeben.Was bleibt, ist die Kubricksche Kino-Sprache. Und über weite Strecken funktioniert sie. Vor allem in den Szenen, die an "Das große Fressen" oder die "100 Tage von Sodom" erinnern, ist dies Kino, wie es besser nicht geht. Eine erschaffene Welt, die sich jedem Verismus entzieht, überzeugt durch die innere Stringenz ihrer selbstgewählten Ausdrucksmittel. Der langsame Fortgang der Dialoge und Handlungsepisoden schmälert nicht die Intensität der Gesamtkomposition. Cruise hat recht, wenn er Kubricks Werke als "Missionen, nicht Filme" bezeichnet. Wo "Eyes Wide Shut" indes den Rückweg vom Traumhaft-Surrealen in die Niederungen des allerletzten Weihnachtseinkaufes sucht, da klappt es mit der Wucht der Bildersprache nicht mehr so ganz.Auch die Entstehungsgeschichte dieses Films eignet sich zur Mythisierung. Vor drei Jahren bat ein Freund Tom Cruise bei einer Party um seine Faxnummer. Stanley Kubrick wolle mit ihm in Kontakt treten. Cruise rückte die Nummer raus. Am Tag darauf quoll ein Fax aus England aus seiner Maschine. Er wolle etwas mit ihm bereden und bitte um einen Anruf unter der angegebenen Nummer - Unterschrift: Stanley Kubrick. "Ich war total nervös und wußte nicht, ob ich mich erst lang vorbereiten soll", erinnert sich Cruise heute. Nach drei Minuten rief er an. So kamen Cruise und Kidman mit Kubrick zusammen. Es folgten etliche Treffen, dann 14 Monate Dreharbeiten, dann vier Monate Schnitt. Vier Tage nach der Fertigstellung von "Eyes Wide Shut" war Kubrick tot. Cruise flog aus Australien für das Begräbnis ein. Kidman spielte damals in London Theater. Cruise ist jetzt zurück in Australien, beim Dreh für "Mission Impossible II".Fragen wir einmal Kubricks Witwe Christiane, deren Gemälde die Wände der Film-Appartements verschönern. "Dies ist ein Film über Angst", sagt sie. Recht hat sie. Am Ende dieses seltsam entrückten Films heißt die einzige für legitim erklärte Regung: Reue.

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