Kultur : Landschaftsmalerei: Himmelsstürme

Anja Osswald

Wer in diesen Tagen durch die Potsdamer Strasse wandert, wird bei einem Blick ins Schaufenster der Galerie Raab in sommerliche Stimmung versetzt. Die Berliner Malerin Alke Brinkmann zeigt dort einen Zyklus von Meeres-, Himmels- und Dünenbildern. Die Titel der Gemälde verweisen auf konkrete geographische Orte: Hiddensee, Tunis, Cape Cod, die für die Interpretation der Bilder jedoch ohne Belang bleiben. Ihre Beziehung zum dargestellten Objekt ist marginal. Die Welt der Erscheinungen dient Brinkmann vielmehr als Aufhänger, der die Setzung von Farbe und Form initiiert. So können die hohen Himmel und tiefen Horizonte, die barocke Dramatik der Wolkenformationen und die stumpfweiße Gischt der Wellen der Wahrnehmung Impulse geben. Sie erzeugen eine Atmosphäre ähnlich der eines windigen Nachmittags am Meer: Die Augen schweifen über die Weite des Horizonts - eine meditative Ruhe stellt sich ein.

"Das Schweigen des Meeres" hat die 1967 geborene Künstlerin ihren Bilderzyklus genannt und bezieht sich damit auf einen Roman von Paul Vercors aus dem Jahr 1941, der das Schweigen als eine Form des passiven Widerstands im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkrieges thematisiert. Der Roman handelt von einem alten Mann und seiner Nichte, die einen deutschen Offizier in ihrem Haus aufnehmen müssen. Sie reagieren auf diese Besetzung ihrer Privatsphäre mit einem beharrlichen Schweigen, das der Offizier durch ebenso beharrliche Monologe zu brechen sucht. Wie im Roman ist auch in Brinkmanns Bildern das Schweigen ein sehr beredtes. In ihrer Gleichförmigkeit, der Monotonie der Wellenbewegung und der unendlichen Weite sind die dargestellten Landschaftsausschnitte wie ein langer Gedankenstrich, gleichsam eine Leerstelle, die geeignet ist, von den Assoziationen des Betrachters ausgefüllt zu werden.

Allerdings bricht die Künstlerin die Sogwirkung, die von den gemalten Aussichten ausgeht, immer wieder auf. In ihre Bilder baut sie Barrieren, die den Betrachter davon abhalten, sich in der Weite des angedeuteten Horizonts zu verlieren. So negiert der an manchen Stellen flächige und bewusst stumpfe Farbauftrag jede Raum- oder Tiefenwirkung. Aus dem Meer wird ein undurchdringlicher graublauer Balken; die Horizontlinie verwandelt sich in ein abstraktes Streifenmuster. Vor allem das extreme Hochformat der Bilder sorgt für diesen Umkehreffekt: Die durch den Landschaftsausschnitt suggerierte Illusion von Tiefe kippt um in Flächigkeit. Der Blick kann nicht im Bild versinken, sondern wird an ihm entlang nach oben geführt, bis zur materiellen Begrenzung der Leinwand. Spätestens an dieser Stelle wird dem Betrachter der rhetorische Charakter des von der Malerin inszenierten Manövers bewusst: Die gemalte Landschaft zeigt, ganz entgegen (oder gerade wegen) des spielerisch eingesetzten Illusionismus, dass ein Bild immer eine Oberfläche bleibt und entlarvt alles andere als Täuschungen und Trugbilder. Anders als in der traditionellen Landschaftsmalerei, die den Topos der Natur meist metaphysisch besetzt, verweisen die Bilder hier auf den relativen Charakter der Erscheinungswelt.

Aus dieser Perspektive betrachtet erschließt sich die klassische Malmanier von Brinkmann als eine ganz zeitgenössische Form der Auseinandersetzung mit den Grundlagen und den Bedingungen von Malerei. Was ist ein Bild jenseits einer semantischen Funktion? Welche konzeptionellen Faktoren tragen dazu bei, dass ein Bild nicht mehr als Darstellung von etwas gelesen wird, sondern in seiner konkreten Materialität in den Vordergrund rückt? Mit Fragen wie diesen greifen die Bilder Brinkmanns das ewig alte Thema der Malerei-als-Malerei auf, das hier jedoch, gerade weil es so verführerisch sinnlich in Szene gesetzt ist, äußerst erfrischend wirkt - eben wie ein windiger Nachmittag an der See.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben