Kultur : Landshuter Skulpturenmuseum: Die pure Lust an der Form

Hans Krieger

Für Pablo Picasso war Afrika kubistisch, für Ernst Ludwig Kirchner und seine "Brücke"-Freunde war es expressionistisch. Produktive Missverständnisse standen am Anfang der Entdeckung eines Kontinentes der Kunst. Künstler der Frühmoderne fanden in der strengen Magie afrikanischer Masken und Holzskulpturen die Kronzeugen für ihre eigene Suche nach neuen Wegen, für ihre Sehnsucht nach Ursprünglichkeit der Formfindung und des Ausdrucks. Sie suchten im Fremdartigen das Eigene; sie erkannten Kunst, wo man bis dahin nur die Relikte primitiver Kulturen mit exotischen Gebräuchen gesehen hatte. Die Entdeckung hatte Folgen - für den Kunstbegriff wie für den Umgang mit außereuropäischen Kulturen. Aber der neue Blick blieb geprägt von denen, die ihn zuerst riskierten; jahrzehntelang sah man die Kunst Afrikas gleichsam mit den Augen Picassos und Kirchners und nahm nur wahr, was dieser Sichtweise entsprach.

Für den Bildhauer Fritz Koenig, der ein halbes Jahrhundert lang afrikanische Kunst gesammelt hat und seine Schätze jetzt im Landshuter Skulpturenmuseum erstmals der Öffentlichkeit zugänglich macht, ist das künstlerische Erscheinungsbild Schwarzafrikas schon wesentlich vielgestaltiger geworden. Die herb verkanteten Masken der Dan oder Dogon, die expressiv abstrahierten Schnitzfiguren haben auch ihn fasziniert, aber im Gesamtspektrum seiner Kollektion sind sie nur eine Facette neben anderen. Bei ihm gibt es auch die phallisch gelängten Megalithen aus der Cross-River-Region zwischen Nigeria und Kamerun und die grazilen Terrakotta-Figuren aus dem Schwemmland des Niger-Binnendeltas, die ornamentale Geometrie des Flechtwerks der Tutsi und der Webarbeiten aus Rinden-Leder-Schilden aus Kamerun und Äthiopien und vor allem die geradezu experimentelle Verspieltheit afrikanischer Eisenschmiedekunst, deren überschlanke, stabförmig ausgreifende Figurationen wohl die ureigenste SammlerEntdeckung Fritz Koenigs sind.

Auch Ethnologen attestieren der Sammlung, dass sie unser Bild von Afrika beträchtlich erweitert. Das ist nicht ohne Paradoxie, denn wissenschaftliche Interessen liegen Koenig völlig fern. Was er in der Museumskrypta im Hofberghang, die vor zwei Jahren für die von ihm errichtete Stiftung geschaffen wurde, als "mein Afrika" präsentiert, ist ganz und gar die Sammlung eines Künstlers, den nicht der Wissenshunger treibt, sondern die pure Lust an der prägnanten Form und am Reiz des Materials, das die Gestalten schaffende Fantasie herausfordert. Ihn interessiert nicht die rituelle oder profane Funktion der Dinge und auch nicht ihr Glaubenshintergrund, sondern allein die Sprache ihrer Formen - mit all dem, was sie ohne kulturgeschichtliches Vorwissen an sich schon uns sagt.

Abermals ein produktives Missverständnis? Jedenfalls keine vorschnelle Vereinnahmung. Indem Koenig ganz der gestalthaften Wirkung vertraut, zollt er den Objekten den Respekt des Künstlers und lässt ihnen ihr Geheimnis.

Die alte Streitfrage, ob der abendländischneuzeitliche Begriff von Kunst auf die Kulturen Afrikas überhaupt angewendet werden darf, löst er für sich ganz pragmatisch: Die formschöpferische Fantasie der afrikanischen Schmiede und Schnitzer ist evident, und Formen sind nicht stumm, sondern teilen etwas mit. Da ist etwa die mächtige hölzerne Bettbank aus einem Senufodorf (Elfenbeinküste); sie diente zur Aufbahrung der Toten vor der Beerdigung, aber man kann sie auch einfach als Skulptur betrachten, deren ruhende Wucht, von Verwitterungsspuren durchfurcht, etwas sagt von der Hinfälligkeit und der Beharrungskraft des Lebens, von der Präsenz des Eros wie des Todes. Oder - siehe unser Foto - die winzige Nackenstütze aus dem Kongo, getragen von einer kauernden Frauenfigur: Auch ohne ein Wissen von den Bräuchen der Luba fasziniert die Durchdringung von strenger Funktionalität und blühender figuraler Fantasie, das kunstreiche Wechselspiel von Horizontalen und Vertikalen, in dem das Thema Ruhe und Getragensein erlebbar wird als Formereignis.

Den Sinn für solches Formen-Sehen hat Koenig schon als Kind gehabt. Damals richtete sich sein begehrlicher Blick auf einen stilisierten Pelikan von einer verrotteten Schnitzbank. Der Vogel aus verwittertem Holz steht jetzt im Eingangssaal der Afrika-Ausstellung und wirkt durchaus nicht als Fremdkörper.

Der Bezug zum eigenen Werk des Bildhauers Fritz Koenig aber ist kein stilistischer, sondern einer der geistigen Grundhaltung: Offenheit für die Elementarphänomene des Lebens und Sinn für die zeichenhaft geklärte sprechende Form. Und erneut bewährt das stadtbildschonend im Berg versteckte Landshuter Skulpturenmuseum mit der schlichten Kargheit seiner Räume seine vorbildlich dienende Funktion. Ohne falsche Aura, ohne ablenkende inszenatorische Mätzchen lädt jedes einzelne Stück zu konzentrierter Betrachtung.

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