Kultur : Landtagswahlen: Erfrischend nervös

Reiner Ruf

Schnee sucht man auf der Schwäbischen Alb an diesem Wochenende vergeblich. Der Feldberg im Schwarzwald meldet mickrige 20 Zentimeter, und in Bayern droht Lawinengefahr. Die Skier bleiben also im Keller, und eine landespolitische Allparteien-Koalition atmet auf - wieder eine Ausrede weniger für den baden-württembergischen Staatsbürger, heute nicht zur Wahl zu gehen. Ausgerechnet in dem Land, in dem die Union seit fast 48 Jahren ununterbrochen den Ministerpräsidenten stellt, ist der Wahlkampf nämlich doch noch spannend geworden.

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Landtagswahlen seit 1980

Zwar geht die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen davon aus, dass die CDU/FDP-Koalition von Regierungschef Erwin Teufel und Wirtschaftsminister Walter Döring ohne größere Blessuren durch die Ziellinie kommt. Demnach konnte die CDU ihren Sinkflug der vergangenen Monate stoppen, womöglich winkt ihr sogar ein Zugewinn über die 41,3 Prozent von 1996 hinaus. Doch die Prognosen der Wahlforscher weichen zum Teil erheblich voneinander ab.

Vor allem die rechtsradikalen "Republikaner", bereits seit 1992 im Landtag, machen den Demoskopen zu schaffen. Deren Vorhersagen schwanken zwischen Marginalisierung und komfortablem Stimmenpolster um die acht Prozent. Der Wert für die Rechtsaußen-Partei hat großen Einfluss auf das Ergebnis von CDU und SPD: Wählt der Protest wie bei der Kommunalwahl 1999 CDU? Oder kann die SPD Stimmen zurückgewinnen, die sie in sozial schwachen Stadtquartieren an die "Republikaner" verlor?

Die Nervosität ist groß, gerade im Stuttgarter Staatsministerium. Nachdem das "Handelsblatt" der SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt "die Frische eines eben angebissenen Kaugummis" attestiert hatte, konterte der Mann mit dem Frische-Defizit, Erwin Teufel, via "Bild"-Zeitung: "Ich bin körperlich und geistig vital wie ein junger Kollege." Und zum Schrecken zahlreicher Parteifreunde fügte er hinzu, er wolle bis 2006 weitermachen.

Selten waren die Appelle, wählen zu gehen, so ernst gemeint wie diesmal. Die Grünen in der ehrwürdigen Reichsstadt Esslingen mahnen auf ihrer Homepage: "Denken Sie daran, jede Stimme zählt." Daneben steht ein Foto des US-Wahlverlierers Al Gore. Auf mehr als 500 SPD-Plakaten, auf denen für Donnerstag zur Abschlusskundgebung mit Kanzler Gerhard Schröder eingeladen wurde, pappte plötzlich ein großer, roter Aufkleber: "Abgesagt". Die erbitterten Genossen erstatteten Anzeige gegen Unbekannt.

Unbekannt ist auch der Ausgang der Wahl. Und so gibt es noch genügend offene Fragen. Koalitionsfragen. Was, lautet eine, passiert, wenn die bürgerliche Koalition ihre Mehrheit verliert? Unter dem Druck von FDP-Bundespräsidium und Bundestagsfraktion wie auch unter dem Eindruck fallender Umfragewerte hat FDP-Chef Walter Döring inzwischen eine "Ampel" ausgeschlossen. Nicht mehr die Devise "Große Koalition? Nicht mit uns!" gilt, jetzt heißt die Losung: "Ampel? Auf keinen Fall!" Eine echte Innovation wäre die "Schwampel", ein schwarz-gelb-grünes Bündnis. Doch diese Variante hat Grünen-Spitzenkandidat Dieter Salomon ausgeschlossen. Mit der CDU sei derzeit keine Koalition möglich, bei einem Dreier-Bündnis drohe den Grünen der Untergang. Bliebe - wie 1992 bis 1996 - eine große Koalition.

Einen Ehrenpreis für Verdienste um die Wählermobilisierung verdient übrigens Günther Oettinger, der Vormann der CDU-Landtagsfraktion und mutmaßlicher Regierungschef einer großen Koalition. Er hat allen Vereinen in seinem Wahlkreis ein Brieflein geschickt: Man möge bei der Teilnahme an der "wichtigsten Veranstaltung in diesem Jahr" bitte nicht vergessen, dass am Sonntag die Sommerzeit beginnt.

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